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Kapitel 18

Lynn blickte aus den großen Fenstern ihres Zimmers in das leichte Schneegestöber draußen und seufzte leise. Bosco hatte seinen schweren Kopf auf ihren rechten Oberschenkel gelegt und blickte zu ihr auf. Sie streichelte seinen Kopf und er schloss genüsslich die Augen.
Zain war am frühen Morgen mit Sigurd aufgebrochen und obwohl er es nicht erwähnt hatte, hatte sie es in seinem Blick sehen können. Es gab Ärger. Sie hatte ihn gefragt ob sie mit kommen könne, aber er hatte es strikt abgelehnt. Er wollte, dass sie zu Hause blieb in Sicherheit. Also hatte sie sich in ihr Zimmer verkrochen und für die Schule gelernt um sich abzulenken. Doch ihre Konzentration war verschwunden.
Lustlos blätterte sie durch die Seiten ihres Buchs und schnaubte schwer. Sie lag gut in der Zeit und würde keine Probleme bekommen, dennoch sie wollte jetzt nicht weiter lernen. Also stand sie auf, was Bosco aufschreckte und er wütend grummelte.

»Na komm Bosco. Wir gehen spazieren.« ,sagte sie lächelnd.

Seine kleinen runden Ohren bewegten sich und er stand schläfrig auf. Sie betrachtete ihn und entschied, ihn nicht mehr von den Zwillingen füttern zu lassen. Er war ganz schön fett geworden, da die Zwillinge ihn mit Leckerchen und Pasteten aller Art vollstopften. Sie hielt ihm die Tür auf und der massige Eisbär trottete die Treppenstufen hinunter.
Das Wohnzimmer war verlassen, da die restliche Familie wieder in der Werkstatt war. Man hatte ihren Wunsch jedoch respektiert, lernen zu wollen und sie seither nicht mehr gestört. Sie zog Mantel und Schuhe an und trat hinaus in die Kälte. Seit ihre Kräfte erwacht waren, hatte sie immer stärker das Bedürfnis raus an die eisige Luft zu gehen. Ihr war nie kalt und nur Rosette zu liebe trug sie einen Mantel.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und sie hinterließ feine Fußspuren. Bosco neben ihr schnaubte schwer und kämpfte sich durch den Schnee. Sie grinste hämisch und pikste ihm in die Seite.

»Wenn du weniger futtern würdest, könntest du dich auch leichter im Schnee bewegen.«

Er grummelte und sie musste lachen. Aaron hatte ihr verraten, dass Bosco sie verstand, ihr allerdings nicht antworten konnte. Was auch nicht ganz stimmte. Er antwortete, aber sie konnte die Sprache der Bären nicht verstehen.
Das Haus lag nicht weit zurück, als eine zarte Gestalt vor ihr im Schnee auftauchte. Lynn erkannte sofort, dass es die Elfin Aislinn war. Überrascht blieb sie stehen und blickte zum Haus zurück. Sollte sie gehen oder bleiben? Sie hatte Zain versprochen die Elfen zu meiden, also wäre es besser sie ginge wieder.

»Warte!« ,rief Aislinn zu ihr hinüber.

Lynn blickte wieder zu ihr hinüber. Dieses Mal stand sie um einiges näher an sie. Ihre schwarzen langen Haare wehten offen im Wind und ihre blauen Augen lächelten sie an.

»Es freut uns, dass du und Zain verlobt seid.« ,rief sie.

»Woher weißt du davon?« ,fragte Lynn verwirrt.

Die Elfin setzte sich langsam und behutsam in Bewegung um ihr keine Angst zu machen. Ihre blauen transparent wirkenden Kleider schmiegten sich um ihren Körper. Sie blieb nur wenige Meter von ihr entfernt stehen.

»Die gesamte Winterwelt weiß es. Ich bin hier um dir Schutz anzubieten.«

»Schutz vor wem?«

»Dem schwarzen König. Er verachtet uns, weil deine Großmutter seine Frau ermordet hat. Er wird Rache an dir ausüben wollen, obwohl dein Verlobter bereits aus Rache deine Mutter tötete. Wir haben damals sehr um deine Mutter getrauert, das war auch der Grund warum wir die Magesfamilie angegriffen haben. Umso mehr erfreut es uns, dass eure Liebe stark genug ist all diese Schattenseiten zu überdecken. Zudem ist der Pakt durch eure Verlobung endlich eingehalten worden. Wir Elfen werden die Magesfamilie nicht mehr angreifen, jetzt da unser königliches Blut verheiratet wird, wird auch die Magesfamilie in Zukunft zu uns gehören. Solltest du also meine Hilfe brauchen, werde ich sofort bei dir sein Hoheit.« ,sie verbeugte sich lächelnd und war dann verschwunden.

Lynn wollte sie aufhalten, aber es war zu spät. Entgeistert blickte sie auf die Stelle wo die Elfin gestanden hatte. Ihr Kopf brummte und ihr Herz pochte schneller. Was hatte Aislinn ihr gerade gesagt? Fassungslos strich sie sich über die Stirn. Auf erschreckende Weise gab vieles auf einmal einen Sinn. Dass sie eine Elfin war lag daran, dass ihre Großmutter Lynn eine Elfin war. Und nicht nur irgendeine. Sie war die Elfin von welcher Arvid gesprochen hatte. Er hatte sie für ihre Großmutter gehalten, nichts ahnend, dass diese seine Mutter getötet hatte.
Lynn taumelte und setzte sich keuchend in den Schnee. Der Unfall damals. Die Person die der LKW Fahrer gesehen hatte, war Zain gewesen. Er war nach seiner Tat durch ein Portal zurück in die Winterwelt gekehrt. Sie erinnerte sich an seine Worte. Nicolo hatte einen Pakt geschlossen und seinen Teil noch nicht eingelöst. Er hätte eine Elfe königlichen Blutes heiraten sollen. Sie keuchte und blickte auf ihren Ring. Das konnte nicht sein, das konnte alles nicht sein.
Eine weitere Erinnerung flammte in ihr auf. Sie hatte Zain gefragt, warum die Elfen seine Familie angriffen. Er hatte von einer Verwechslung gesprochen. Lynn spürte wie sie weinte und schlug schluchzend die Hände vor den Mund. Er hatte ihre Mutter mit ihrer Großmutter verwechselt. Ihr wurde schlecht. Konnte es sein, dass sie es alle gewusst haben? Sigurd, Nicolo, Rosette und Zain? Sie alle hatten gewusst, wer sie war und was ihre Großmutter getan hatte und welchen Preis Lynn hatte zahlen müssen.
Bosco stupste sie mit seiner nassen Nase an und sie stieß in sanft von sich. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen weg. Es konnte nicht sein. Die Elfin hatte versucht einen Keil zwischen sie zu treiben. Schließlich hatten die Elfen sie ebenfalls angegriffen. Sie klopfte den Schnee von ihrem schwarzen Mantel und eilte zurück ins Haus. Sie würde ihn fragen müssen.

Lynn saß auf einem der gemütlichen Sessel und blickte starr in das knackende Feuer. Es war später Nachmittag, bald würde es zu dämmern beginnen und Zain war noch nicht zurück. Bosco lag zu ihren Füßen und rührte sich nicht. Dann endlich hörte sie Stimmen, aber es waren nur Rosette, Nicolo und die Zwillinge, welche aus der Werkstatt zurückkehrten. Ihr Lachen kam ihr plötzlich falsch vor und Lynn presste die Lippen aufeinander.

»Hallo Lynn. Hast du genug gelernt für heute?« ,fragte Nicolo scherzend.

Sie nickte nur stumm und blickte auf ihre geballten Fäuste. Die Zwillinge setzten sich plappernd rechts und links von ihr und Lynn stand im selben Moment auf und trat ans Fenster. Plötzlich war es sonderbar ruhig im Raum.

»Er wird gleich kommen Lynn, mach dir keine Sorgen.« ,sagte Rosette freundlich.

Lynn antwortete nicht, sondern verschränkte die Arme vor der Brust und blickte aus dem Fenster. Ihr Blick schweifte zu den dunklen Tannenspitzen des Waldes. Wem konnte sie trauen und wer log sie an? Für einen Moment meinte sie eine zarte Gestalt gesehen zu haben, aber sie war schon wieder verschwunden. War Aislinn vielleicht noch hier? Versuchte sie vielleicht wirklich nur sie und Zain auseinander zu bringen, damit die Magesfamilie geschwächt war?
Die Tür öffnete sich und all ihre Aufmerksamkeit wendete sich einer einzigen Person im Raum zu. Sofort durchfuhr sie ein Zittern, wie sie es noch nie gespürt hatte und sie drehte sich zu ihm um. Zain sah sich überrascht um und musterte sie dann. Er lächelte und legte seinen Mantel ab.

»Es tut mir Leid Lynn, dass es so lange gedauert hat.« ,sagte er während er auf sie zu ging.

»Bleib wo du bist!« ,zischte sie ihm entgegen.

Überrascht blieb er stehen. Lynn spürte wie alle sie ansahen, aber es war ihr egal.

»Was ist los Lynn?« ,fragte Zain leise.

»Stimmt es?« ,fragte sie wütend und ballte die Hände zu Fäusten.

»Was stimmt?« ,fragte er unsicher.

Sie hörte aus seiner Stimme heraus, dass er einen Verdacht hatte auf was sie hinaus wollte. Tränen stiegen ihr in die Augen und perlten an ihrem Gesicht hinunter.

»Stimmt es, dass du für den Tod meiner Eltern verantwortlich bist?« ,fragte sie mit gepresster Stimme.

Seine Augen weiteten sich und er keuchte schwer. Lynn spürte wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz so schnell in ihrer Brust schlug, dass es schmerzte. Er hatte es also tatsächlich getan und ihr nichts erzählt.

»Du widerst mich an.« ,schrie sie wütend und schupste ihn von sich weg.

»Lynn bitte, wer hat es dir erzählt? Lass es mich erklären.« ,flehte er.

»Erklären? Da gibt es nichts zu erklären. Du hast meine Eltern getötet, weil meine Großmutter deine Mutter umgebracht hat.«

Aus den Augenwinkeln erkannte sie, wie die Zwillinge sich anstarrten. Einen Moment tat es ihr Leid, dass sie es mitbekommen mussten. Doch dann war sie umso entschlossener, denn auch die Zwillinge waren angelogen worden. Zain sah sie kraftlos an und versuchte sie zu berühren, aber sie entzog sich dieser Berührung angewidert.

»Lynn.« ,murmelte er.

»Ich hätte dir niemals vertrauen sollen.«

Sie huschte an Sigurd vorbei und rannte nach draußen. Sie hörte wie hinter ihr das Haus unruhig wurde. Plötzlich wurde sie an der Hand zurück gehalten. Sie drehte sich um und erkannte Zain. In der Haustür standen ganz vorne die Zwillinge. Arvid starrte sie an und drückte fest die Hand seines Zwillings.

»Lynn bitte bleib. Lass uns reden.« ,flehte er sie an.

»Reden? Worüber? Dass du dich nur mit mir verlobt hast, um diesen dämlichen Pakt einzulösen, den dein Großvater eingegangen ist um euch zu einer Magesfamilie zu machen?«

Die Erkenntnis die sie gerade gemacht hatte, ließ sie selbst einen Moment still sein. Zain starrte sie an und schüttelte dann den Kopf.

»Nein Lynn. So ist das nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich wie nichts auf der Welt.« ,sagte er verzweifelt.

Lynn sah ihn verächtlich an und seufzte dann traurig.

»Nein, du liebst mich aus Schuldgefühlen. Wie konnte ich nur so naiv sein? Wie konnte ich dir mein Leben, meine Liebe schenken?«

Sie entzog sich seiner Hand und als er plötzlich nach ihr Griff trat sie erschrocken einen Schritt zurück. Er bekam nur ihre Kette zu packen und mit einem Ruck war sie von ihrem Hals gerissen. Zain starrte auf die Kette die er in seinen Händen hielt.

»Du darfst nicht gehen. Wenn du jetzt gehst, werde ich dir Wälder abbrennen und jeden Elfen töten, bis ich dich wieder finde. Ich liebe dich Lynn.« ,sagte er wütend.

Erschrocken über seine Worte wich sie von ihm. Seine Augen weiteten sich, als er seine eigenen Worte verstand. Er schüttelte energisch mit dem Kopf und taumelte auf sie zu.

»Nein Lynn, so meinte ich das nicht.«

»Aislinn.« ,murmelte Lynn ängstlich während die Tränen in ihr aufstiegen.

Sofort stand der zierliche blaue Körper der Elfin neben ihr und stellte sich schützend vor Lynn. Sie hielt einen Dolch schützend vor ihre eigene Brust.

»Ich bin da Hoheit, keine Sorge. Man wird dir nichts tun.« ,sagte sie ruhig.

»Verschwinde Aislinn!« ,rief Sigurd laut und nährte sich ihnen mit schnellen Schritten.

Die Elfin vor ihr lachte auf und schüttelte den Kopf, wobei ihre schwarzen Haare hin und her wippten.

»Ich habe geschworen die Königsfamilie zu beschützen, so wie du geschworen hast die Magesfamilie zu beschützen.«

»Lynn braucht keinen Schutz vor Zain, er ist ihr Verlobter.« ,donnerte er.

Lynn sah Sigurd an. Er war auch Elf, wahrscheinlich kannte er Aislinn noch von vor dem Krieg. Er hatte sie als eine hartnäckige Gegnerin beschrieben. Aislinn stieß einen langen Pfiff aus.

»Lynn hat nach mir gerufen, also fühlte sie sich bedroht.« ,sagte sie ruhig.

»Es gab Missverständnisse.« ,sagte Sigurd ausweichend.

»Missverständnisse?« ,donnerte Lynn und trat neben Aislinn welche sie überrascht ansah.

Zain sah sie immer noch flehend an und sein Körper bebte dabei. Lynn schüttelte den Kopf und sah ihn verächtlich an.

»Du hast meine Eltern getötet ohne mir etwas davon zu sagen und jetzt verlangst du von mir dir sofort zu verzeihen? Dich zu heiraten? All deine Freundlichkeit und deine Sorge um mich, das war alles falsch. Du wolltest nicht, dass ich zu den Elfen ging, als ich wusste dass ich eine Elfin bin. Jetzt weiß ich warum. Du wolltest nicht, dass ich die Wahrheit erfahre. Hättest du es mir irgendwann einmal gesagt? Wahrscheinlich nicht und ich hätte nichts ahnend mein Leben mit dem Mörder meiner Eltern verbracht!« ,schrie sie ihm entgegen.

Ein kalter Wind wehte über sie Hinweg und vereiste förmlich die Situation. Alle starrten sie an und Lynn spürte wie ihre heißen Tränen die Wangen hinunter liefen, doch noch etwas passierte mit ihr. Ihre Haut pulsierte und kribbelte und als sie auf ihre Hand blickte erkannte sie, wie sich ihre Haut bläulich verfärbte. Sie nahm ihre wahre Gestalt an. Sie hob den Kopf und blickte zu Zain, welcher sie nur flehend ansah.

»Ich gehe mir Aislinn. Ich will meine Heimat kennen lernen und ich will dich nie wieder in meinem Leben sehen.«

»Ihr habt Lynn gehört. Wenn ihr uns nun entschuldigt.« ,sagte Aislinn und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Sie hörte Zain noch ihren Namen schreien und auf sie zu hechten, aber sie verschwanden bereits. Als sich das Bild wieder befestigte, stand Lynn inmitten eines dicht bewachsenen Tannenwalds. Sie roch den Geruch des Harzes und fühlte sich an die Zeit zurück versetzt, in welcher sie mit ihrer Mutter durch die Wälder ihrer Welt spazieren gegangen war.
Ihre Beine gaben unter ihr nach und sie begann bitterlich zu schluchzen. Die Tränen rollten über ihr Gesicht und ihr Körper zuckte schwer. Aislinn ließ sich neben ihr nieder und nahm sie sanft in den Arm. Leise wiegte sie sich hin und her und begann dabei ein Lied zu singen, was ihr vertraut vorkam. Es war das Schlaflied, welches ihre Mutter und Großmutter ihr zusammen immer vorgetragen hatten. Tränen überfluteten ihr Gesicht und sie blieb dort im niedrigen Schnee sitzen, in der Umarmung einer Elfin, die sie vor einem bösen Schicksal gerettet hatte.

Ihre Tränen waren versiegt und sie schlich hinter Aislinn durch den verschneiten Wald. Sie hatten nicht miteinander gesprochen und Lynn lauschte in die anbrechende Dunkelheit. Sie blickte erneut auf ihre veränderte Hautfarbe. Das leichte blau, als wäre man erfroren färbte nun ihre Haut. Ihre blonden Haare stachen jetzt förmlich hervor.

»Es ist nicht mehr weit.« ,unterbrach Aislinn die Stille.

Lynn nickte nur müde und folgte ihr tiefer in den Wald. Sie war gespannt auf das Elfenvolk und auf die Art und Weise wie sie lebten. Ihr Herz schlug schneller. Sie war eine Elfin und würde jetzt endlich mehr über ihre Herkunft erfahren. Plötzlich blieb Aislinn stehen und Lynn folgte ihrem Beispiel. Die Elfin hatte die Augen geschlossen und lauschte in die Stille. Dann runzelte sie die Stirn und schlug eine andere Richtung ein.

»Was ist los? Warum gehen wir jetzt in diese Richtung.«

»Es gab Probleme. Unsere Leute sind weiter gezogen. Deine Kräfte sind noch nicht vollständig entwickelt. Der Wald wird dir dabei helfen.«

»Was hat es mit diesem Wald auf sich? Sigurd erwähnte, dass ein Elf sich verändert wenn er dem Wald fern bleibt.«

Aislinn sah überrascht über ihre Schulter.

»Jeder Baum der hier steht ist ein verstorbener Elf.« ,sagte sie ruhig.

Lynn stolperte überrascht und sah den Wald jetzt mit anderen Augen. Es mussten unglaublich viele Elfen existiert haben. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht wusste wie viele Elfen es in diesem Wald gab.

»Es sind sehr viele Bäume. Ich dachte Elfen werden sehr alt.«

»Das werden wir auch Lynn. Wir Elfen leben schon sehr, sehr lange in dieser Welt. Erst durch die Unkas wurden wir gezwungen in unseren Friedhöfen zu leben. Wir haben nichts gegen unsere Toten, aber wir stören ihre Ruhe.«

»Also sind Elfen eigentlich doch nicht blau.« ,schlussfolgerte Lynn.

»Wir haben eine blaue Haut, egal ob wir im Wald sind oder nicht. Was Sigurd meinte ist, dass man sich mehr anpasst. Er hat seine Farbe verändert um die Magesfamilie besser schützen zu können.«

Lynn runzelte die Stirn. Sie wusste nicht genau warum, aber sie hatte eine Ahnung das Sigurd und Aislinn sich wirklich gekannt haben mussten.

»Kanntest du Sigurd, bevor er die Elfen verlassen hat?« ,fragte sie mutig.

»Ja.« ,antwortete sie knapp, aber in ihrer Stimme war ein sonderbarer Unterton.

Lynn fragte nicht weiter, da sie fürchtete einen wunden Punkt getroffen zu haben und folgte Aislinn nun wieder schweigsam. Nur einmal drehte sich die Elfin zu ihr um und lächelte sie an. Lynn lächelte matt zurück und konzentrierte sich dann wieder darauf, nicht über Wurzeln zu stolpern.
Aislinn führte sie unter einer niedrigen Tanne hindurch und als Lynn hinter Aislinn wieder hervortrat verschlug es ihr die Sprache. Sie befanden sich auf einer großen Lichtung, auf welcher kleine Hütten aus Zweigen und Farnen erbaut wurden waren. Sie waren mit Schnee zugemauert und wirkten ein wenig wie die Iglus der Inuit. Aislinn führte sie weiter und Lynn folgte ihr langsam. Einige Elfen sahen auf und immer mehr folgten diesem Beispiel. Bald waren alle Blicke auf sie gerichtet und Lynn fühlte sich mehr als unwohl. Sie spürte wie die Röte in ihr Gesicht schoss und überlegte ob sie nun dunkelblau im Gesicht war.
Ein Elf trat auf sie zu und musterte Aislinn eindringlich, dann sah er auf sie hinunter und lächelte breit. Lynn betrachtete den großen Elf. Seine Gestalt war schlank, wie bei so vielen Elfen. Auch er hatte schwarze Haare und jetzt viel Lynn auf, dass sie die einzige mit blonden Haaren war. Der Elf trug eine blaue Hose und einen blauen Umhang, trotzdem konnte sie seinen nackten Brustkorb erkennen.

»Es freut mich wirklich sehr, endlich mit dir sprechen zu dürfen. Wir hatten bereits alle Hoffnung aufgegeben, aber jetzt ist das königliche Blut zu uns zurückgekehrt.«

Die Elfen tosten plötzlich, jubelten und schrien. Lynn zuckte erschrocken zusammen und rückte näher an Aislinn. Es war schon ein wenig seltsam. Sie fühlte sich bei der Elfin, die versucht hatte sie zu töten und ihr einen Elfenkuss gegeben hatte, plötzlich sicher. Sie kannte die Elfenwelt nicht und irgendwie hoffte sie auf die Hilfe von Aislinn. Der große Elf erkannte ihre Reaktion und lachte laut. Dann tätschelte er ihre Schulter.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten. Wir werden dir alles beibringen was du wissen musst und willst. Sei willkommen, du kehrst in deine Heimat zurück.«

»Wenn ich mich einmischen dürfte. Ich glaube Lynn möchte ein wenig schlafen, sie hatte einen anstrengenden Tag.« ,sagte Aislinn fürsorglich und legte ihr einen Arm um die Schultern.

»Wieso? Ist etwas passiert?« ,fragte der Elf besorgt.

»Ihr Verlobter hat ihr die Wahrheit vorenthalten. Sie hatte keine Ahnung.«

Ein Flüstern und Raunen ging durch die Menge und Lynn spürte wie ihr erneut die Tränen übers Gesicht liefen. Beschämt wischte sie die Tränen weg, aber es kamen immer wieder neue hinzu. Der große Elf beugte sich plötzlich zu ihr hinunter und streckte seinen langen dünnen Finger nach ihr aus und schöpfte eine ihrer Tränen ab. Die Träne blieb an seinem Finger kleben und er musterte die Träne, als könnte er in ihr lesen.

»Sie ist wirklich sehr traurig und verletzt. Aislinn sie untersteht deiner Obhut kümmere dich um sie. Wir werden derweilen Kontakt zu den anderen aufnehmen.« ,sagte der Elf mit einer rauen Stimme, als würde er gleich selbst weinen.

Aislinn schob sie sanft an dem großen Elf vorbei und Lynn hielt den Blick gesenkt. Es war ihr so peinlich vor all diesen Elfen zu weinen, aber sie konnte nicht anders. Die Elfin hielt ihr den Vorhang zu einem der Hüttenbauten auf und Lynn trat ein. Im Inneren war es angenehm warm, viel wärmer als sie erwartet hätte. Aislinn deutete auf eine der am Boden vorbereiteten Schlafplätze. Gehorsam legte sich Lynn auf das Farn und seufzte leise. Aislinn setzte sich ihr gegenüber auf die andere Schlafunterlage und blickte in die Leere.

»Du musst nicht bei mir bleiben. Ich verlange es nicht. Schließlich kennst du mich nicht und du musst deine Zeit nicht mit mir verbringen, wenn du einen Groll gegen mich hegst.« ,sagte sie schniefend.

Die Elfin sah sie überrascht an und schüttelte dann mit dem Kopf.

»Ich bleibe hier. Ich habe geschworen auf die königliche Familie zu achten, also werde ich bei dir bleiben.«

»Ich habe auch geschworen Zain zu heiraten und dennoch tue ich es jetzt nicht. Ich will keine Last für dich sein.«

»Lynn ich bleibe. Ich hege keinen Groll gegen dich. Meine anfängliche Reaktion auf dich war falsch. Ich habe nicht auf das gehört, was mein Herz mir gesagt hat. Der Kuss tut mir leid, aber ich musste Gewissheit haben.«

»Ist schon gut. Es war eine Erfahrung.«

Aislinn sah sie überrascht an und schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber bleiben. Lynn rollte sich auf den Rücken und blickte auf die dunkelgrüne Hüttendecke. Sie konnte es nicht glauben, dass sie jetzt hier bei den Elfen war. Ihr Herz krampfte sich zusammen und abermals rollten die Tränen über ihr Gesicht. Warum hatte er es ihr nicht gesagt? Hätte sie es verstanden, wenn er es ihr ruhig erklärt hätte? Wäre sie bei ihm geblieben? Sie bezweifelte es. Egal wie es ans Licht gekommen wäre, sie hätte nicht bei ihm bleiben können.
Sie schloss die Augen und atmete einmal tief ein und aus. Sie konnte das Geschehene nicht rückgängig machen, aber sie konnte die Zukunft beeinflussen. Würde es zu einem Krieg zwischen den Elfen und der Magesfamilie kommen? Würde sie gegen den schwarzen König kämpfen müssen? Der Schneemann hatte sie gebeten die Winterwelt zu beschützen. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Sie würde die Winterbewohner beschützen und wenn es das Letzte war, was sie tun würde.
8.12.14 20:10
 
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