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Kapitel 7 -Die Dame-

Sie saß am Fenster und blickte hinab auf diese Müllhalde, die sich in ihrem einst so wunderschönen Garten gebildet hatte. So viele Jahre hatte sie damit verbracht, die Sträucher und Beete zu pflegen. Hatte gegen Unkraut und Ungeziefer angekämpft und sich dann am Abend einen kühlen Sekt auf der Veranda gegönnt. Doch wie es nun mal mit dieser eigensinnigen Natur war, hatte sie sich zurück geholt, was ihr einst gehörte. Von ihren akurat geschnittenen Hecken war nichts mehr zu sehen. Der Efeu wuchs bereits fast durch ihr Fenster. Wenn der Herbst kam, würde er sicherlich in ihrem Zimmer sein.

"Oma? Bist du wach?"

Es fiel ihr schwer den Kopf zu drehen, sodass sie nur mit der Hand winkte. Ihr Zustand hatte sich rapide verschlechtert, nachdem Marco sie verprügelt und fast erwürgt hatte. Das Zittern in ihren Händen war nun auf ihren gesamten Körper über gegangen. Am meisten störte sie, dass ihr Kopf zitterte und ihr dadurch schlecht wurde.
Auch wenn ihre Tochter nichts unternommen hatte, als er sie angegriffen hatte, so hatte sie sich gut um sie gekümmert. Sie hatte die Tür immer abgeschlossen, damit er nicht herein konnte und sie so in Sicherheit war, bis Susanne abends nach Hause kam.

"Hast du ein Bonbon?" ,fragte Jasmin und riss sie so aus ihren Gedanken.

"Ja. In der Schale." ,krächste sie und deutete auf eine niedrige Kommode.

Angestrengt sah sie durch die mittlerweile zu schwache Brille und kniff die Augen zusammen. Jasmins Gesicht war fast wieder ganz verheilt und sie machte einen aufgeweckten, fröhlichen Eindruck.

"Wo steckst du den ganzen Tag? Ich bekomme dich kaum noch zu sehen."

Jasmin beförderte ein Bonbon in ihren Mund und rieb sich schweigend über die rechte Hand. Ein Netz aus roten Striemen bildete sich auf ihrem Handrücken ab.

"Was ist passiert?"

"Hab mir die Hand in der Tür geklemmt."

Die alte Frau unterdrückte einen Seufzer. Marco hatte dieses Mädchen schon zu sehr unter seiner Kontrolle. Immer wenn sie eine neue Verletzung von ihm hatte, erfand sie eine Lüge.

"Soll ich dir ein Geheimnis verraten?" ,fragte die Kleine nun strahlend.

"Ja."

Jasmin trat nun an ihren Rollstuhl heran und formte mit ihren Händen einen Trichter um ihr Ohr. Die alte Frau musste sich zusammenreißen um sich nicht zu schütteln, denn der Atem der Kleinen kitzelte sie.

"Ich habe einen Freund gefunden." ,flüsterte Jasmin in ihr Ohr.

"Einen Freund?" ,fragte sie überrascht.

"Nicht so laut!" ,zischelte Jasmin zurück.

"Bist du deshalb immer unterwegs?" ,flüsterte sie nun auch.

"Ja."

"Erzähl mir von deinem Freund."

"Er heißt Eric. Er sagt nicht viel, aber er ist lustig. Soll ich dir was lustiges erzählen?"

Sie nickte und wurde von dem kindischen Kichern Jasmins angesteckt. Jasmin hielt sich kichernd die linke Hand vor den Mund und ihre Augen glänzten, vor Freude.

"Eric kennt kein Radio. Er hat mein Kinderradio angestarrt, als wäre es ein Monster und hat mir gesagt, ich soll den singenden Mann aus der Kiste befreien."

Jasmin kicherte immer noch und schien sich nach Kräften zu beherrschen um nicht laut zu lachen. Sie selbst war verwundert. Sie hatte noch nie von einem Kind gehört, dass nicht wusste, was ein Radio war und dann auch noch einen solch sonderbaren Kommentar dazu brachte.

"Wie alt ist Eric?"

"Elf. Oh und weißt du was? Er hört jetzt andauernd Radio, auch wenn er es immer schnell ausmacht, wenn ich komme. Ich weiß es, weil die Batterien leer sind und ich neue holen musste."

"Und wo trifft du dich mit Eric?"

"Das bleibt geheim."

"Na gut. Aber muss Eric nicht in die Schule?"

"Nein."

Nun breitete sich Sorge in ihr aus. Wer war dieser Eric und warum kümmerte es niemanden, dass er nicht in die Schule ging? Dann beruhigte sie sich wieder, es war Sommer, die Kinder hatten Ferien. Seufzend fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn. Seit dieser Mann hier war, vermutete sie hinter alles und jedem etwas böses.

"Kann ich Eric auch ein Bonbon mitnehmen? Er hat keine mehr."

"Die sind nur für Verletzte."

"Er ist verletzt. Als er weggelaufen ist, da hat man ihn an der Seite verletzt."

Nun waren ihre Alarmglocken wieder an. Ein Kind das weggelaufen war? Was für eine Freundschaft hatte Jasmin da geschlossen? Vielleicht hatte das Schicksal diese beiden Kinder zusammen gebracht. Mit ähnlichen Erfahrungen konnten sie sich sicherlich gegenseitig Trost spenden.

"Okay Oma, ich bin weg."

"Viel Spaß."

Lautlos fiel die Tür ins Schloss und die alte Frau sah wieder hinab in den Garten. Es dauerte nicht lange und sie erkannte Jasmin zwischen dem Schrott und den Altmöbeln hindurch klettern. Neugierig beugte sie sich vor um besser zu erkennen, wohin das kleine Mädchen ging.
Doch ihre Augen enttäuschten sie, sodass sie nur unscharfe Schemen erkennen konnte. War da nicht ein Schatten neben Jasmin? War das Eric? Die beiden verschwanden plötzlich und ihr Herz pochte schneller. Die beiden versteckten sich doch nicht irgendwo unter diesem Schrott. Es war viel zu gefährlich. Was wenn dieser ganze Müll auf sie hinunter fiel und die Kinder unter sich begrub? Sie musste etwas tun. Sie musste es Susanne sagen. Doch bis Susanne wieder kam würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als schweigend und mit pochenden Herzen auf die Müllhalde zu starren und zu beten, dass nichts passierte.
2.12.14 17:00
 
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