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Kapitel 6 -Das Mädchen-

Sie grinste breit, als er die falsche Karte nahm und Eric ihr gegenüber verzog das Gesicht, als er seinen Fehler erkannte.

"Gewonnen." ,sagte Jasmin sichtlich zufrieden.

"Ich geb auf."

"Nein, lass uns nochmal spielen."

"Keine Chance, nach zehn Niederlagen in Folge, hab ich keine Lust mehr."

Sie presste die Lippen aufeinander und ließ sich nach hinten fallen. Es machte überhaupt keinen Spaß mit Eric zu spielen. Er sagte kein einziges Wort und andauernd starrte er sie an. Er war jetzt den vierten Tag in ihrem Versteck, aber wirklich viel wusste sie nicht von ihrem neuen Freund. Dabei musste man doch alles über seinen Freund wissen, oder irrte sie sich da? Sie kramte in ihrer Erinnerung, aber es schien ihr, als würde sie sich an keinen einzigen Freund erinnern. Sie hatte früher doch sicherlich Freunde gehabt, ehe sie hier her gekommen waren. Angestrengt dachte sie nach und rieb sich über die Stirn. Schnaubend gab sie auf und trommelte mit den Füßen auf dem Boden.

"Eric? Hast du Freunde zu Hause?"

"Natürlich."

"Wie sind die so?" ,fragte sie neugierig nach und setzte sich wieder auf.

"Wie Freunde halt so sind."

"Eric." ,sagte sie wütend und stampfte wieder mit dem Fuß auf.

"Was?" ,fragte er genervt.

"Wie sind Freunde?"

"Musst du doch selber wissen."

"Nein, also SAG!"

Erics dunkle Augen sahen sie wieder so sonderbar an und Jasmin presste wütend die Lippen aufeinander. Er sollte sie nicht immer so ansehen. Eric antwortete ihr nicht und sie starrte ihn ebenso an, wie er es mit ihr tat.

"Du bist blöd." ,sagte sie schließlich und stand auf.

"Jasmin." ,murmelte er leise.

Sie drehte sich in der Hoffnung um, dass er es ihr doch erzählen würde, aber er warf ihr lediglich eine der Plastikflaschen entgegen.

"Ich brauche neues Wasser."

"Du bist doof!" ,schrie sie ihn an und warf ihm die Flasche gegen den Kopf.

Durch den wilden Garten kehrte sie zurück zum dunklen Haus und rieb sich dabei das Auge. Es war immer noch dick und es fiel ihr schwer es offen zu halten, aber wenn sie es nicht versuchte hatte sie Angst es würde zuwachsen.
Sie war auf halben Weg nach oben, als sie laute Stimmen hörte. Erschrocken blieb sie stehen und lauschte. Es waren mehrere Männerstimmen. Augenblicklich schlug ihr Herz schneller. Wenn diese Männer da waren, war es immer gefährlich für sie. Was sollte sie tun? Zurück in ihr Versteck wollte sie nicht, weil der dumme Eric da war. In Omas Zimmer konnte sie nicht, weil es abgeschlossen war. Nur Mama konnte hinein und die war bestimmt noch nicht wieder da. In ihr Zimmer konnte sie auch nicht, da würden sie sofort hingehen.

"Hallo. Wer bist denn du?"

Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Ein Mann stand hinter ihr auf der Treppe und versperrte ihr so den Weg zurück. Sie hatte ihn noch nie gesehen, aber es kamen immer so viele Fremde hierher, dass sie sich eh nicht alle merken konnte. Doch diesen Mann hatte sie noch nie hier gesehen. Er hatte eine dunkle Haut und keine Haare auf dem Kopf. Ein goldener Ohrring war in seiner Augenbraue und funkelte im Halbdunkel.

"Was ist denn mit dir passiert?"

Sie zitterte nun so stark, dass sie sich hinsetzen musste und ihre Hände umklammerten die Stäbe des Geländers.

"War das Marco?"

"Ich bin hingefallen." ,sagte sie holprig.

Der große Mann sah sie schweigend an und sie drückte ihr Gesicht gegen die Stäbe, damit sie ihm nicht ins Gesicht sehen musste.

"Hast du Hunger?"

Sie schüttelte mit dem Kopf, auch wenn es eine Lüge war. In Wahrheit hatte sie großen Hunger.
Eine schwere Hand legte sich auf ihren Kopf und er tätschelte sie einmal, dann trat er an ihr vorbei.

"Komm Kleine, ich mach dir was zu essen."

Sie folgte ihm nicht, sondern blieb sitzen wo sie war. Stattdessen beobachtete sie, wie er die restlichen Stufen nach oben ging und dann tatsächlich Richtung Küche ging. Nun war sie doch neugierig, würde er ihr tatsächlich etwas zu essen kochen? Sie erhob sich nun und kroch auf allen vieren zur Küchentür. Dort setzte sich und sah vorsichtig um die Ecke. Der schwarze Mann durchsuchte die Schränke und stellte einige Dinge auf die Ablage.

"Du kannst ruhig reinkommen."

Sie zog sich ein Stück zurück und hörte wie er laut lachte. Es war eine ganz dunkle tiefe Lache und sie wusste nicht ob sie Angst haben sollte. Sie würde vorsichtig sein.

"Wie heißt du kleine Schneeflocke? Ich bin Samuel."

"Jasmin."

"Hab gar nicht gewusst, dass Marco eine Tochter hat."

"Ich bin nicht seine Tochter!" ,erwiderte sie wütend.

"Okay." ,sagte er lachend, "Ich würde auch nicht gerne Marcos Kind sein. Igitt."

Sie kicherte amüsiert und schlug sich dann die Hände vor den Mund. Sie durfte nicht über ihn lachen. Er hatte sie einmal schrecklich geschlagen, weil sie gelacht hatte, als er sein Glas über sich verschüttet hatte.

"Komm rein, dann können wir uns besser unterhalten."

Sie rutschte auf dem Boden nun in die Küche, blieb aber neben der Tür sitzen. Der große Mann, dessen Name sie schon wieder vergessen hatte, setzte ein paar Töpfe auf den Herd und setzte sich dann an den Tisch.

"Sag mal Jasmin, weißt du eigentlich, was die ganzen Männer hier machen?"

Sie schüttelte den Kopf und umschlang ihre Beine.

"Soll ich es dir sagen?"

Sie zögerte einen Moment und schüttelte dann wieder den Kopf. Es war sicherlich besser, wenn sie nicht wusste, was dieser Mann tat.

"Weißt du was Drogen sind?"

Abermals schüttelte sie den Kopf und der Mann ihr gegenüber grinste und fuhr sich mit der Hand über den haarlosen Kopf.

"Warum hast du keine Haare?"

"Mh? Die hab ich mir abrasiert."

"Warum?"

"Weil es im Knast lästig war."

"Knast?"

"Ein Gefängnis. Ähm, ein Ort wo böse Menschen eingesperrt werden."

Sie schluckte und rückte dann wieder aus der Küche heraus. Der Mann lachte und sie hörte wie er nun auf sie zukam. Sein Schatten breitete sich über ihr aus und sie hielt zitternd ihre Arme über ihren Kopf. Der Mann setzte sich schnaubend neben sie und blickte in den dunklen Flur in Richtung Wohnzimmer.

"Keine Sorge Schneeflocke. Ich bin zwar kein guter Mensch, aber ich tue Kindern nichts an."

"Warum warst du im Knast?"

"Bist du neugierig geworden? Ich sags dir. Ich hab jemanden umgebracht, weil er das hier geklaut hat."

Er zog aus seiner Hosentasche einen kleinen Briefumschlag und hielt ihn ihr entgegen.

"Wegen so was kleinem?"

"Es war schon was mehr."

"Und was ist das?"

"Drogen."

"Was ist das?"

"Mit Drogen kannst du vieles machen. Entweder du nimmst es und träumst einen wunderschönen Traum oder du verkaufst es und verdienst viel Geld."

"Ich möchte träumen." ,sagte sie begeistert.

Doch ehe sie den kleinen Briefumschlag offenen konnte um zu träumen, nahm der Mann ihr den Umschlag aus der Hand und ließ ihn wieder in der Hosentasche verschwinden.

"Nein, du darfst nicht träumen."

"Warum?"

"Wenn du einmal anfängst, dann kannst du nie mehr aufhören zu träumen."

"Und das ist schlimm?"

"Jep."

"Warum hast du es dann?"

"Weil ich es verkaufe."

Er war aufgestanden und Jasmin folgte ihm zurück in die Küche. Dieser Mann war sonderbar, aber es machte sie neugierig.

"Also Drogen sind schlecht oder?"

"Richtig."

"Warum verkaufst du sie dann?"

"Hab ich nicht gesagt, ich bin ein böser Mensch?"

"Ja aber warum?"

Er lächelte breit und Jasmin war überrascht, wie weiß seine Zähne waren. So weiße Zähne hatte sie noch nie gesehen.

"Wenn du älter bist wirst du es verstehen."

Sie schmollte nun und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie konnte es absolut nicht leiden, wenn man ihr auf eine Frage keine Antwort gab. Eric machte das auch immer. Sie traute sich jetzt näher heran und setzte sich mit den Knien verkehrt herum auf einen der Stühle und beobachtete wie der Mann im Topf rührte. Verwundert lehnte sie sich weiter nach vorne und öffnete vor lauter Staunen den Mund.

"Du hast keinen kleinen Finger."

Der Mann lachte und hielt jetzt beide Hände in die Luft. Tatsächlich hatte er auf beiden Seiten keinen kleinen Finger mehr.

"Was hast du gemacht?"

"Weißt du nicht was das bedeutet?"

Sie schüttelte mit dem Kopf und er griff nun nach ihrem kleinen Finger der rechten Hand. Ihr Herz schlug schneller und sie presste die Lippen aufeinander.

"Wenn man jemandem ein großes Versprechen gibt, dann schwört man es auf den kleinen Finger. Wenn du das Versprechen brichst, dann schneidet man dir den Finger ab."

"Was hast du versprochen?"

"Ist das nicht egal? Ich habe es nicht halten können und was sagt dir das?"

"Das du keine Versprechen hälst."

"Ganz genau. Du solltest dich also vor allen Männern fürchten, die keinen kleinen Finger haben. Du darfst ihnen nicht vertrauen."

Er hielt immer noch ihren kleinen Finger fest und grinste breit, als sie versuchte von ihm loszukommen. Lachend ließ er sie los und Jasmin wäre beinah rückwärts den Stuhl runter gefallen.
Was sollte sie jetzt machen? Sie hatte Hunger, aber er hatte ihr gerade gesagt, dass sie ihm nicht trauen durfte, schließlich hatte er keine kleinen Finger mehr. Aber er hatte ihr auch gesagt, dass er Kindern nicht wehtat. Verwirrt kratzte sie sich am Kopf.

"Kleine Schneeflocke du solltest dich jetzt verstecken gehen."

Ihr Herz schlug höher, warum sagte er das? Sie beobachtete jetzt wie er aus seiner Hosentasche eine kleine Flasche zog, deren klaren Inhalt er in den Topf schüttete. Was war das gewesen?

"Du darfst diesen Topf nicht anfassen, hörst du?"

"Was war in der Flasche?"

"Rache."

Ihre Stirn zog sich zusammen. Rache war nicht flüssig. Der Mann grinste sie nun wieder an und gab das gut riechende Essen auf einen Teller.

"Ich sag es nochmal. Versteck dich. Was gleich passiert ist nichts für kleine Kinder."

"Du wolltest mir etwas kochen." ,erwiderte sie.

"In einem anderen Leben kleine Schneeflocke."

Der Mann verließ mit dem Teller die Küche und Jasmin sah ihm nachdenklich nach. Seine Worten ergaben überhaupt keinen Sinn. Was hatte er bloß damit gemeint? Neugierig stand sie auf und trat in den Flur. Der schwarze Mann trat gerade ins Wohnzimmer und sie hörte die lauten Männerstimmen. Unentschlossen trat sie von einem Fuß auf den anderen und huschte dann zur angelehnten Tür.
Vorsichtig ging sie in die Hocke und späte durch den Spalt ins Innere. Es waren wirklich viele Männer da und es roch sonderbar süß aus dem Zimmer. Sie konnte durch den Spalt nicht alles sehen, daher konnte sie den Mann nicht finden. Doch plötzlich hörte sie ein lautes Husten und Stöhnen. Die Männer wurden alle unruhig und die Stimmen brüllten durcheinander.

"Verreck du Schwein! Das ist für meinen Bruder!"

Jetzt erkannte sie den Mann wieder, da er einige Schritte zurück gegangen war. Was hatte er getan? Plötzlich erklangen mehrere laute Schüsse und sie hielt sich ängstlich die Hände an die Ohren. Ihre Augen weiteten sich, als der schwarze Mann stolperte und dann zu Boden fiel. Sie zitterte am ganzen Körper, aber sie konnte nicht wegsehen, denn seine Augen sahen sie an. Er grinste und lächelte dann, wobei seine Zähne vom Blut rot waren.

"So ne verdammte Scheiße. Was soll ich jetzt mit zwei Leichen machen?"

Sie hörte die Stimme sofort heraus und kroch ängstlich davon. Er hatte den Mann getötet. Er hatte es getan!
Hatte der schwarze Mann gewusst, dass das passieren würde? Sie stolperte beinah die Treppe nach unten und lief dann nachtblind durch den Garten. Schluchzend und weinend kroch sie durch den schmalen Tunnel.

"Eric?"

"Jasmin! Was waren das für Geräusche?"

"Darf ich bei dir schlafen? Bitte, bitte, bitte, bitte."

"Klar, komm her."

Ängstlich legte sie die Arme um Erics Hals und spürte, wie er ihr über den Rücken strich.

"Was ist passiert?"

"Er hat ihn erschossen."

"Was?"

"Er hat Samuel getötet."

Wieso konnte sie sich jetzt wieder an seinen Namen erinnern? Jetzt war er tot und es brachte ihr überhaupt nichts mehr.

"Alles wird gut Jasmin."

"Nein wird es nicht."

"Doch wird es."

Sie schüttelte nur mit dem Kopf und genoss schniefend, wie Eric sie hin und her wiegte und dabei etwas summte.
28.11.14 16:50
 
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