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Kapitel 13

Da der Tag nach dem großen Ball, aus nichts weiterem als Faulenzen bestanden hatte und sie alle im Bett geblieben waren, hatte Lynn beschlossen an diesem strahlenden Mittwoch etwas mit den Zwillingen zu unternehmen. Zain hatte sich entschuldigt, da er mit Nicolo und Sigurd etwas erledigen musste und Rosette wollte zu Hause bleiben und Kekse backen. Also ging sie alleine mit den Zwillingen Schlitten fahren.
Die beiden waren bereits draußen und tollten mit Bosco herum, welcher ihr jetzt bereits bis zu den Hüften ging. Sie schnürte gerade ihre Winterstiefel zu und legte einen dicken Mantel an, den Rosette ihr geschenkt hatte. Sie wollte gerade die Haustür zuziehen, als jemand hinter ihr sich räusperte. Überrascht drehte sie sich um und erblickte Sigurd.

»Auf ein Wort.« ,sagte er ruhig und zog sie zur Seite.

Lynn sah ihn neugierig an und Sigurd blickte kurz zu den beiden Zwillingen, welche Bosco auf einen der beiden Holzschlitten gesetzt hatten und ihn nun einen kleinen Hang hoch zogen.

»Also hör zu. Ich muss mit Nicolo und Zain weg und kann daher nicht auf die Zwillinge aufpassen. Deshalb übertrage ich dir jetzt dieses Amt. Es ist unsere oberste Pflicht die Familie Nicolos zu schützen. Sie sind eine Verbindung zwischen Unkas und den ganzen anderen Wesen der Winterwelt.«

»Wie die Zwerge und das Schneevolk?« ,fragte sie neugierig.

»Richtig. Wenn ihn etwas passieren sollte, würde das die Verbindung trennen und wir hätten einen noch schlimmeren Krieg. Deshalb musst du die beiden beschützen und wenn es sein muss...«

»Mit meinem Leben.« ,endete sie den Satz.

Sigurd sah sie eindringlich an und nickte dann.

»Du trägst einen schwarzen Mantel, das ist gut. Schwarz ist das Zeichen von uns Beschützern, aber du musst mir schwören weder zu nah an den Wald zu gehen, noch bis nach Nachmittag draußen zu bleiben mit ihnen.«

»Den Zwillingen wird es gut gehen. Ich verspreche dir sie wohlbehütet zurückzubringen.«

Sigurd nickte und baute sich jetzt zu seiner vollen Größe wieder auf. Dann verschwand er. Lynn holte einmal schwer Luft und trat dann nach draußen. Seine Worte hatten sie daran erinnert wie gefährlich die Winterwelt war. Sie selbst war bereits einmal von zwei verfeindeten Seiten angegriffen worden. Sollte den Zwillingen etwas passieren, würden die Unkas sicherlich die Winterbewohner, wie die Zwerge bekämpfen, auch wenn sie nicht verstand wieso. Sigurd hatte die Magesfamilie als Bindeglied bezeichnet. Vielleicht waren sie ein Bindeglied, weil sie magische Fähigkeiten hatten, wie die anderen Winterbewohner.

»Lynn! Komm schon!« ,rief Arvid laut.

»Ich komme ja.« ,rief sie zurück und eilte den Zwillingen entgegen.

Bosco sprang ihr entgegen und sie stolperte beinah. Die Zwillinge lachten und Lynn fiel mit in das Lachen ein. Sie würde sich jetzt nicht den Spaß verderben lassen.

Die Schlitten sausten den steilen Hang hinunter und Lynn schrie vor Aufregung. Sie fuhr mit Bosco vor sich sitzend auf einem der Holzschlitten, während die Zwillinge gemeinsam auf dem anderen fuhren. Sie lieferten sich ein Rennen, aber durch ihre magischen Fähigkeiten mogelten sich die Zwillinge immer an die Spitze. Sie nahm es ihnen nicht übel und versuchte umso mehr schneller zu werden. Der Hang flachte ab und sie keuchte schwer.

»Noch mal Lynn!« ,brüllte Arvid vergnügt.

Aaron kicherte und nickte. Lynn stand mit wackeligen Beinen auf und schnaubte einmal.

»Wir werden noch sterben bei dieser Geschwindigkeit.« ,sagte sie seufzend.

»Ach was. Der Schnee ist weich.« ,sagte Aaron und zog den Schlitten bereits wieder den Hang hinauf.

Lynn nickte und zog den anderen Schlitten hoch, während Arvid mit Bosco tollte. Ihre Beine versanken in dem weichen Schnee und ihre Hosenbeine waren schon ganz nass, dennoch war ihr nicht annähernd kalt. Wahrscheinlich weil sie sich die ganze Zeit über bewegte.
Als sie endlich oben wieder ankamen schnaubte Lynn und streckte sich einmal. Man hatte von hier einen wundervollen Ausblick auf das Tal und ganz klein, erkannte sie unten das Haus von Nicolo. Sie hatte gar nicht bemerkt wie weit sie gegangen waren. Sie blickte in den Himmel und erkannte, dass es wahrscheinlich gerade einmal Mittag war, sie hatten also noch Zeit.
Sie nährte sich wieder den Zwillingen und blickte einmal auf, als der Wind auffrischte. Von hier erkannte man viel deutlicher den Wald. Erschrocken blieb sie stehen, wann waren sie so nah an den Wald gekommen?

»Wir sollten zurückgehen.« ,sagte sie mit einem unguten Gefühl.

»Wieso? Es macht doch gerade erst richtig Spaß. Nicht wahr Bosco?« ,fragte Arvid den Eisbären und jagte ihn vor sich her.

Bosco war mittlerweile ziemlich schnell, was wahrscheinlich auch mit seiner jetzigen Größe zu tun hatte.

»Wir hätten etwas Warmes zu trinken mitnehmen sollen.« ,sagte Aaron und rieb sich die Hände.

»Ist dir kalt?« ,fragte Lynn besorgt.

»Ein wenig, es ist sonderbar.« ,sagte er und schüttelte sich.

Lynn rieb ihm die Hände und hauchte sie warm.

»Dir ist nicht kalt oder?« ,fragte er langsam.

»Nicht wirklich, wir bewegen uns aber auch die ganze Zeit.« ,fügte sie lächelnd hinzu.

Plötzlich war ein langer Wolfsheuler zu hören und Lynn gefror das Blut. Sie blickte auf und erkannte ein Rudel von Wölfen. Ihr Herz schlug augenblicklich schneller, Sigurd hatte sie gewarnt.

»Aaron! Arvid! Auf den Schlitten los!«

Die Zwillinge sahen sich ängstlich an, gehorchten ihr aber. Dann sausten die Zwillinge den Hang hinunter. Lynn packte Bosco und sauste ebenfalls den Hang hinunter. Ein weiterer Heuler war zu hören und sie blickte hinter sich. Die Wölfe hatten sich in Bewegung gesetzt und sie fluchte. Der Wind sauste an ihr vorbei, als sie plötzlich die Zwillinge umher stampfen sah. Sie stoppte den Schlitten mit ihren Füßen und kam schwer stehen.

»Was ist los?« ,fragte sie besorgt.

»Der Schlitten ist kaputt.« ,flüsterte Aaron ängstlich.

»Steigt auf.« ,befahl sie und stieg selbst vom Schlitten.

Dann zog sie schnell ihren Mantel aus und legte ihn Arvid um die Schultern, welcher hinter Aaron saß. Dann nahm sie Bosco vom Schlitten und sah ihn an.

»Du läufst so schnell du kannst neben ihnen her und falls es sein muss, beschützt du sie. Verstanden?«

Bosco knurrte und sie nahm es als Einverständnis. Die Wölfe heulten wieder und Lynn erkannte, dass sie erschreckend nah waren.

»Ihr fahrt jetzt und seht euch nicht um, hört ihr?«

»Nein! Lynn wir können dich nicht hier lassen.«

»Los! Euer Leben ist wichtiger als meins. Ihr seid die Verbindung zwischen den Völkern. Wenn euch etwas passiert wird es einen entsetzlichen Krieg geben.«

»Lynn.«

»Das war ein Befehl.«

Dann trat sie den Schlitten weg und er setzte sich in Bewegung. Die Zwillinge schienen ihr wirklich zu gehorchen und sie seufzte erleichtert. Als sie sich umdrehte waren die Wölfe beinah bei ihr. Lynn lief seitlich in eine andere Richtung als die Zwillinge fuhren. Sie konnte nur hoffen, dass sich die Wölfe mit ihr länger beschäftigten. Plötzlich erinnerte sie sich wieder, an das was Zain gesagt hatte. Die Wölfe waren verwandelte Elfenkrieger.
Sie blickte über ihre Schulter und erkannte mit Schrecken, dass das Rudel sich geteilt hatte.

»Nein!« ,schrie sie laut.

Plötzlich erzitterte der Boden und eine hohe Mauer aus Eis und Schnee baute sich auf, sodass die Wölfe welche die Zwillinge verfolgten hart gegen die Schneewand prallten. Sie keuchte schwer und starrte auf die Wölfe, die nun sie ansahen. Im ersten Moment hatte sie geglaubt, Sigurd oder Zain wäre gekommen, aber dem war nicht so. Vielleicht hatten die Zwillinge gemeinsam diese Mauer errichtet? Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn die Wölfe heulten und sammelten sich neu. Sie wirbelte wieder herum und rannte so schnell sie konnte. Dann stolperte sie und rollte den Hang hinunter bevor sie endlich stehen blieb. Schummrig richtete sie sich auf und schrie laut, als ein Wolf vor sie sprang und seine Zähne fletschte. Sie wirbelte herum und erkannte, dass sie umzingelt war.

Ihr Atem ging stoßweise, während sie den Wölfen Auge um Auge gegenüberstand. Dann verwandelte sich plötzlich einer von ihnen und Lynn starrte die Elfin vor ihr an. Ihre Haut war blau, als wäre sie im Schnee erfroren. Ihre schwarzen Haare wehten sanft ihm Wind und ihre ebenfalls blaue Kleidung schien beinah transparent zu sein. Ihre blauen Augen musterten sie und plötzlich zückte sie ein langes Messer. Lynn biss die Zähne aufeinander, doch bevor sie reagieren konnte, lag sie im Schnee. Die Elfin saß auf ihr und presste mit ihren Oberschenkeln Lynns Arme an ihren Körper. Sie konnte sich absolut nicht wehren, denn diese zierliche Person war stärker, als es den Anschein machte. Die Elfin sah sie ruhig an und spielte mit ihrem Messer direkt über Lynns Gesicht.

»Verrat mir deinen Namen bevor du stirbst.« ,zischte die Elfin.

Lynn schnaubte und wandte das Gesicht ab. Die Elfin packte wütend ihr Gesicht und drehte es zu sich. Lynn funkelte die Elfin wütend an und diese kniff die Augen zusammen.

»Du stammst nicht von hier, trotzdem hast du magische Kräfte. Hast du einen der verfluchten Familie geheiratet?« ,fragte sie mit einem sonderbaren Dialekt.

Sie ließ ihr Gesicht los und Lynn blickte die Elfin kühl an. Sie musste Zeit schinden. Die Elfin lächelte plötzlich.

»Folgt den Kindern.« ,befahl sie.

»Nein!« ,schrie Lynn und der Boden unter ihr bebte.

Die Elfin sah sich um und Lynn erkannte wie sich um sie und das Elfenpack der Schnee aufbaute und wie ein Orkan um sie wirbelte. Lynns Herz pochte noch schneller, war sie dafür verantwortlich? Aber wie machte sie das?

»Erstaunlich. Also wer bist du?« ,riss die Elfin sie aus ihren Gedanken.

»Ihr rührt die Zwillinge nicht an.«

»Wir hätten dich schon damals erwischt, als dieser Schattenkrieger hinter dir war, aber der Älteste der Brut hat dich vor uns beschützt. Was verbindet euch?«

»Lasst sie in Ruhe.« ,zischte Lynn.

»Wenn du es mir nicht sagen willst, werde ich die Wahrheit aus dir herausholen.«

Die Elfin hob ihr Messer und stach sich selbst in den Finger. Blaues Blut lief aus der Wunde und sie strich sich das Blut über die Lippe.

»Aislinn, lass es. Dieses Mädchen ist es nicht wert.« ,knurrte einer der Wölfe.

»Vertrau mir Odin, sie verbirgt vieles vor uns was uns helfen wird, die verfluchte Familie auszulöschen.«

Die Elfin beugte sich zu ihr hinunter und bevor Lynn es bewusst wurde, presste die Elfin ihre Lippen auf Lynns. Lynn starrte die Elfin an, was sollte das? Wieso küsste die Elfin sie? Die blauen Augen der Elfin musterten sie neugierig und plötzlich riss sie sich von ihr los und fuhr sich zittrig mit dem Handrücken über die Lippen. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

»Seit wann halten sie dich fest?« ,fragte die Elfin mit dem Namen Aislinn.

»Man hält mich nicht fest. Ich bin als Gast bei den Mages.«

»Du heißt Lynn.« ,flüsterte sie.

Die Wölfe knurrten etwas und Aislinn hob die Hand und schloss die Augen.

»Du hast deine Gedanken gut verborgen, ich habe kaum etwas erfahren. Aber es ist nicht anders zu erwarten von einer Elfin.«

Lynn starrte die Elfin über ihr an. Was hatte sie gerade gesagt? Aislinn legte eine ihrer kalten Hände auf Lynns Stirn und murmelte etwas.

»Du warst sehr lange in der Menschenwelt. Es wird dauern bis sich deine Kräfte vollkommen zurück entwickeln.«

Dann erhob sie sich plötzlich, aber Lynn vermochte es nicht sich zu bewegen, selbst ihre Zunge konnte sie nicht mehr bewegen. Die Elfin lächelte sie an.

»Wir haben hier nichts mehr zu suchen, wenn du mehr erfahren willst über dich, brauchst du nur in den Wald zu kommen.«

Dann waren die Elfenkrieger in der Gestalt von Wölfen verschwunden. Der Schneeorkan, der die Wölfe aufgehalten hatte, löste sich langsam auf und sie erkannte wieder den blauen Himmel. Ihr Herz schlug überraschend ruhig, während sie über die Worte der Elfin nachdachte. War sie wirklich eine Elfin? Es würde vielleicht manches erklären. Wie sie ohne Hilfe in die Winterwelt gelangt war und warum Getränke und Speisen kalt wurden. Dass sie es geschafft hatte die Wölfe aufzuhalten, dass ihr selten nur kalt war und ihre Finger für gewöhnlich nicht rot wurden, wenn sie Schneebälle formte.
Sie spürte wie eine Träne über ihr Gesicht lief, wenn sie wirklich eine Elfin war, dann war ihre Mutter oder ihr Vater auch ein Elf. Sie stockte der Atem, was wenn ihre Großmutter Lynn diese Elfin war, die Zains Mutter getötet hatte? Sie schüttelte den Kopf, dass konnte nicht sein, Elfen wurden sehr alt hatte Zain gesagt. Vielleicht waren ihre Eltern auch nicht ihre leiblichen Eltern. Tausend Gedanken schwirrten in ihrem Kopf und sie konnte keine Antwort auf die vielen Fragen finden.
Sie blickte in den Himmel und beobachtete wie er langsam dunkler wurde und die Wolken sich zuzogen. Sie spürte ihren Körper immer noch nicht und sie fragte sich ob sie vielleicht erfroren war, aber sie fühlte keine Kälte.
Eine Schneeflocke fiel auf ihre Nasenspitze und begann zu schmelzen. Weitere dicke Flocken fielen und aus den Augenwinkeln erkannte sie wie sie mehr und mehr eingeschneit wurde. Panik ergriff sie, was wenn sie jetzt vom Schnee überdeckt wurde und dann erstickte? Obwohl sie es versuchte, schaffte sie es nicht sich zu bewegen. Sie schrie verzweifelt in ihrem Inneren und gab es dann auf. Zu mindestens ging es den Zwillingen gut. Sie atmete ruhig aus und geriet in eine Art Wachschlaf, da sie selbst ihre Augen nicht bewegen konnte oder gar schließen.

»Lynn!« ,hörte sie jemanden weit entfernt rufen.

Sie erwachte aus ihrem Wachschlaf und sie blickte wieder in den dunklen Himmel. Hatte jemand sie gerade gerufen?

»Lynn!« ,brüllte es wieder verzweifelt.

Sie wollte antworten, aber ihre Zunge war immer noch taub. Wieso konnte sie sich nicht bewegen? Was hatte diese Elfin mit ihr gemacht?

»Lynn!« ,kam es dieses Mal näher.

Dann plötzlich bebte der Boden und jemand kam rutschend neben ihr zum Stillstand. Es war Zain. Er hockte sich neben sie und hob ihren Oberkörper hoch.

»Lynn! Lynn was hast du?« ,fragte er schluchzend.

Sie sah ihn an und erkannte wie er weinte. Sie wollte ihm die Tränen wegwischen, aber sie konnte ihre Hand nicht bewegen.

»Du bist eiskalt.« ,stammelte er.

Eine weitere dunkle Gestalt erschien und sie erkannte Sigurd. Er schluckte schwer und presste die Lippen aufeinander.

»Sie hat einen Elfenkuss bekommen, darum kann sie sich nicht bewegen.« ,murmelte Sigurd leise.

»Und jetzt? Wie kann ich ihr helfen?« ,fragte Zain verzweifelt an Sigurd gerichtet.

»Sie muss ins Warme, bevor sie vollkommen erfriert. Sie liegt bereits seit Stunden hier draußen.«

Zain nickte und hob sie vorsichtig hoch. Er drückte sie an sich und strich ihr immer wieder über ihr Gesicht.

»Sie sieht so tot aus.« ,sagte er schwer.

»Aber sie hört dich, sie ist bei vollem Bewusstsein.« ,sagte Sigurd ruhig.

Zain sah zu Sigurd und blickte dann wieder zu ihr und presste die Lippen aufeinander.

»Ich werde dich retten Lynn und Gnade Gott den Elfen wenn ich einen von ihnen zu packen bekomme.«

Ihr Herz krampfte sich zusammen, wie würde er reagieren wenn er erfuhr, dass sie eine Elfin war? Er drückte sie enger an sich und dann erschien das Haus plötzlich vor ihnen. Die Tür stand weit auf und Rosette war im Schein des Lichts zu erkennen. Sie schluchzte laut auf.

»Oh mein Gott. Ihr habt sie gefunden, was hat sie?«

»Ein Elfenkuss.« ,murmelte Sigurd.

Rosette hielt sich erschrocken eine Hand vor den Mund und Lynn fragte sich, ob ein Elfenkuss etwas derart schlimmes war. Zain trat ins Wohnzimmer und Lynn erblickte Arvid und Aaron, welche bei Nicolo auf dem Sofa saßen. Aaron weinte, während Arvid in die Leere starrte. Nun da sie eintraten, blickte Arvid auf und sprang sofort von seinem Platz.

»Bleib wo du bist!« ,donnerte Zain.

Arvid zuckte zusammen und senkte den Blick. Lynn zerriss es das Herz, es war nicht die Schuld der Zwillinge, warum war er also so wütend? Zain trug sie einmal quer durch das Wohnzimmer und dann die Treppen hoch zu den Schlafzimmern. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass er sie in ihr Zimmer brachte, aber er ging weiter und öffnete seine Schlafzimmertür. Er schloss sie mit dem Fuß und trug sie ins Badezimmer. Er legte sie samt Kleidung in die Wanne und drehte den Heißwasserhahn auf. Das Wasser brannte auf ihrer Haut, aber sie konnte keinen Laut von sich geben. Jetzt würde sie lebendig gekocht werden, oder war es so ähnlich wie letztes Mal? Sie wartete darauf, dass sie anfing zu schlottern, aber es blieb aus. Plötzlich drehte sich Zain um und sie spürte wie man ihr die Kleider wie von Geisterhand auszog. Ihr Atem ging schneller und sie spürte wie sie rot wurde. Ohne sie anzusehen, verschwand er aus dem Badezimmer und der Hahn hörte auf Wasser zu speien, als das Wasser bis an ihr Kinn schwappte.
Ihre Haut brannte und sie versuchte den Schmerz auszublenden. Sie konnte es Zain nicht verübeln, er wollte sie nur vor möglichen Erfrierungen beschützen. Plötzlich erhob sich ihr Körper aus dem Wasser und Tücher trockneten sie sanft ab. Dann kleideten unsichtbare Hände sie an und erst dann trat Zain wieder ins Badezimmer und trat unter ihren schwebenden Körper. Die Schwerelosigkeit endete und er fing sie sanft auf.

»Siehst du Lynn, ich habe gesagt ich habe nicht geguckt.« ,sagte er lächelnd.

Vorsichtig trug er sie aus dem Bad und legte sie dann behutsam auf sein großes Bett. Er sah sie verzweifelt an und griff nach ihrer Hand und strich ihr sanft über die Finger.

»Ein Elfenkuss ist sehr gefährlich. Er versteinert deinen Körper und wie in deinem Fall hätte ich dich beinah nicht mehr gefunden. Ich weiß nicht ob sich dieser Zustand jemals wieder ändert.«

Er presste die Lippen aufeinander und hielt sich dann ihre Hand an sein Gesicht.

»Wenn ich nur wüsste ob du wach bist oder schläfst.«

Sie wollte ihm so gerne ein Zeichen geben, aber es war zwecklos. Er bettete ihre Hand wieder neben sie und deckte sie dann zu. Vorsichtig strich er ihr über ihre Wange und stand dann auf.

»Ich komme gleich wieder.« ,sagte er ruhig und verließ das Zimmer.

Kaum war er aus der Tür, öffnete sich die Tür wieder leise und kurz darauf erkannte Lynn Sigurd in ihrem Blickfeld. Er sah sie an und schnaubte schwer.

»Mädchen ich weiß, dass du wach bist. Es tut mir Leid was mit dir passiert ist, aber ich bin auch froh dass den Zwillingen nichts fehlt. Ich weiß du verstehst es.«

Dann beugte er sich über sie und musterte sie eindringlich.

»Sie haben dich nicht getötet, deshalb müssen sie etwas Wichtiges von dir erfahren haben. Ich weiß nicht was ihnen nützen könnte, denn du kennst keine unserer Geheimnisse. Beantworte mir nur eine Frage, die Elfin die dich geküsst hat, war es Aislinn? Wenn ja halt für einen Moment die Luft an.«

Erschrocken über Sigurds Frage atmete sie erst schneller, bis sie dann abrupt die Luft anhielt. Sigurd lauschte und nickte dann. Erleichtert atmete Lynn wieder ein und aus. Sie musterte ihn und obwohl sein Gesicht grimmig drein blickte wie immer, meinte sie etwas in seinen Augen lesen zu können, aber bevor sie sich sicher war, drehte er sich um und verschwand.
Lynn blieb zurück und dachte über die Situation nach. Woher hatte Sigurd gewusst, dass eine Elfin sie geküsst hatte und woher wusste er, dass ihr Name Aislinn war? Sigurd hatte auch gewusst, dass ein Elfenkuss über ihr lag, als man sie gefunden hatte. Die Fragen schwirrten in ihrem Kopf. Wer war dieser Sigurd wirklich?

Lynn wachte auf und hörte wie Zain ins Zimmer zurückkehrte. Es war mittlerweile stockdunkel, aber dennoch erkannte sie ihn klar und deutlich vor sich. Was war nur mit ihrer Wahrnehmung los? Sie hörte Kleider rascheln, anscheinend zog sich Zain um. Dann spürte sie wie die Matratze leicht nachgab und er neben ihr lag. Er musterte sie und sie erkannte einen sonderbaren Ausdruck in seinen Augen.

»Lynn ich weiß nicht ob du wach bist oder schläfst, aber du sollst wissen, dass ich dich liebe und bei dir bin. Und bitte verzeih mir.« ,murmelte er.

Sie rätselte über seine letzten Worte, als er sich plötzlich zu ihr hinunter beugte und ihre Lippen sich berührten. Ihr Herz schlug schneller und es war als würde ihr Körper zu neuem Leben erwachen. Eine Träne lief über ihre Wange und als sie spürte, wie sich seine Lippen von ihr entfernten, schlang sie die Arme um seinen Hals und presste ihn an sich. Er sah sie erschrocken an, doch dann wisch dieser Blick aus seinen Augen.

»Lynn.« ,murmelte er sanft.

Sie schloss die Augen und löste ihren Kuss. Ihr Atem ging unruhig, aber sie spürte ebenfalls Zains unruhigen Atem auf ihrem Gesicht. Er richtete sich auf und zog sie gleichzeitig mit sich. Er drückte sie fest an sich und Lynn schluchzte leise. Seine Hände zitterten, während er über ihre Haare strich.

»Es ist gut Lynn, es ist vorbei.«

»Nein.« ,schluchzte sie.

»Was ist los?«

Sie löste sich von seinem Hals und wischte ihre Tränen mit zittrigen Händen weg. Wie würde er es auffassen? Sie gehörte der Rasse an, die seine Mutter getötet hatten.

»Zain ich liebe dich.« ,schluchzte sie schwer.

»Aber das ist nichts schlimmes.« ,sagte er lachend und umarmte sie stürmisch.

»Zain ich bin eine Elfin.« ,flüsterte sie schwer.

Er hörte nicht auf zu lachen und wiegte sie leicht hin und her. Verwirrt befreite sie sich von ihm.

»Hast du nicht verstanden? Ich bin eine Elfin, eine der Rasse die deine Mutter getötet haben. Ich bin ein Mitglied deiner Feinde. Ich bin kein Mensch.« ,schluchzte sie schwer.

Er strich ihr die Tränen weg und lächelte sie an.

»Ich weiß, dass du eine Elfin bist. Seit dem Tag, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Es dir nicht zu sagen hielt ich für das Beste.«

Sie sah ihn sprachlos an und schüttelte fassungslos den Kopf. Er grinste und zog sie an sich heran.

»Ich liebe dich.« ,flüsterte er und sah ihr tief in die Augen.

»Du wusstest es? Wieso hast du es mir nicht gesagt?«

»Ich war schon froh, dass du nicht schreiend weggelaufen bist, als du erfahren hast, dass es neben deiner Welt noch eine andere gibt. Dann war ich froh, dass du nicht weggelaufen bist, als du erfahren hast, dass ich einmal der Weihnachtsmann sein werde. Wie konnte ich von dir erwarten, dass du auch noch verkraften würdest, kein Mensch zu sein.«

Er strich ihr mit dem Daumen über die Lippen und sie musste sich schütteln. Er lachte kurz auf und umarmte sie dann.

»Ich bin so froh dich zu haben.« ,sagte er glücklich.

»Zain?« ,murmelte sie leise.

»Mh?«

»Ich will in den Wald.« ,sagte sie leise.

»Was?« ,fragte er geschockt.

»Die Elfen haben gesagt, wenn ich Fragen habe soll ich zu ihnen kommen. Ich glaube sie können mir am besten sagen, was ich genau bin.«

»Nein, bitte Lynn geh nicht in den Wald. Sie werden dich verhexen und ich will und kann nicht gegen dich kämpfen.«

»Sie dachten ihr würdet mich hier festhalten.«

Zain sah sie überrascht an und Lynn schnaubte schwer. Langsam sank sie in die weichen Kissen und starrte zu Decke. Zain legte sich neben sie und beobachtete sie ruhig.

»Warum führt ihr Krieg mit den Elfen? Es hat mit Sicherheit mit dem Tod deiner Mutter zu tun, aber die Elfin sprach von euch als eine verfluchte Familie. Warum?«

Zain schnaubte schwer und fuhr sich durch die Haare. Sie sah ihn erwartungsvoll an und er holte einmal tief Luft.

»Nicolo hat in seiner Jugend einen Pakt mit dem Elfenvolk geschlossen und bis jetzt nicht seinen Teil der Abmachung eingehalten. Die Elfen waren bereits gereizt, haben uns aber nie angegriffen, bis vor fast einem Jahr. Damals gab es eine Verwechslung und seit dem bekriegen sie uns.«

»Was für eine Verwechslung?« ,fragte Lynn verwirrt.

»Es wird alles gut, mach dir keine Sorgen.«

Lynn nickte nur schwach und gähnte dann leise. Zain kicherte leise und strich ihr über die Nase.

»Zain versprichst du mir etwas?«

»Sicher.«

»Greif bitte keinen Elf mehr an, ich glaube sie sind nicht so schlecht wie ihr denkt.«

Er murmelte etwas, aber es war zu undeutlich um es genauer zu verstehen. Sie setzte sich leise auf und raffte Zains Bettdecke zusammen, dann breitete sie diese über ihn aus und kuschelte sich an ihn.

»Gute Nacht Zain.« ,murmelte sie und schloss die Augen.

»Nacht Lynn.« ,flüsterte er und drückte ihr einen Kuss auf die Haare.

Sie lächelte breit und schlief dann ruhig ein.
4.12.14 14:26


Kapitel 12

Obwohl sie erst in den frühen Morgenstunden zu Bett gegangen war, war sie relativ früh wieder wach. Sie gähnte müde und rieb sich die Augen. Bosco war in der Nacht auf ihr Bett geklettert und jetzt tätschelte sie seinen Kopf. Er war wirklich schon erschreckend viel gewachsen. Der kleine Eisbär, war einem bereits schwereren Jungtier gewichen.
Lynn seufzte einmal schwer und stand dann auf. Ihre Füße schmerzten und sie erkannte blutige Blasen an ihren Zehen. Sie zischte schmerzerfüllt und taperte dann ins Badezimmer. Als sie ihr Spiegelbild erblickte musste sie stöhnen. Sie hatte vergessen sich abzuschminken und jetzt sah sie aus wie ein lebendiger Toter. Schnell band sie ihre Haare zurück und wusch gründlich ihr Gesicht mit kaltem Wasser.
Als sie ihr Zimmer verließ trug sie dicke Wollsocken, da mit ihren Blasen keine Schuhe anziehen wollte. Sie trug erneut rot, dieses Mal in Form einer kurzärmeligen Bluse mit stehendem Kragen. Dazu eine lange eng anliegende schwarze Jeanshose von sich zu Hause. Ihre Haare hatte sie der Einfachheit halber zu einem hohen Pferdezopf gebunden.

Es war ungewöhnlich ruhig im Haus und unten im Wohnzimmer brannte nicht einmal ein Feuer. Verwirrt ging sie ins Esszimmer aber auch dort war niemand. Als sie schließlich die Küche betrat erschrak sie, als sie beinah jemanden umlief.

»Verzeihung.« ,sagte sie schnell zu der kleinen Frau.

Allem Anschein war sie das Pendant zu den kleinen Weihnachtszwergen in der Werkstatt. Ihre Kartoffelnase war errötet, ebenso ihre bauschigen Wangen. Sie trug ein tannengrünes Kleid mit einer weißen Schürze.

»Guten Morgen. Mögen Sie einen Tee?« ,fragte sie mit einer kräftigen Stimme.

»Gerne. Was machen Sie hier?«

»Ich koche. Nach den Bällen schlafen alle in diesem Haus immer sehr lange. Darum bereite ich das Frühstück vor und bringe es in die Zimmer. Wollen Sie schon etwas essen?«

»Machen Sie sich bitte keinen Stress ich kann warten.« ,sagte Lynn lächelnd und setzte sich auf einen der hohen Stühle und ließ die Beine baumeln.

Die kleine Zwergin nickte und setzte einen Kessel mit Wasser auf, bevor sie weiter ihrer Arbeit nachkam. Lynn beobachtete sie dabei und blickte dann wieder aus dem Fenster. Es schneite stark und es wirkte nach einem heran brechenden Schneesturm.

»Man erzählt sich, Sie haben gestern auf dem Ball sehr imponiert. Hat Ihnen der Ball gefallen?«

»Der Ball war schön, es hat mir gut gefallen.«

»Haben Sie viel getanzt?«

Lynn nickte nur und blickte auf ihre schmerzenden Füße. Die Vorstellung nächsten Montag erneut auf diesen Ball zu müssen, ließ sie schaudern. Die Zwergin reichte ihr einen Tee und Lynn nahm ihn dankend an.

»Darf ich Sie etwas fragen?« ,murmelte Lynn leise.

»Sicher.«

»Wieso war niemand von Ihnen auf diesem Ball?«

Die Zwergin blickte überrascht auf und kicherte dann.

»Sie erinnern mich an die gnädige Frau Felizia. Sie hat mir dieselbe Frage nach ihrem ersten Ball gestellt und ich werde Ihnen dieselbe Antwort geben. Wir sind nicht erwünscht.«

»Aber warum? Schließlich sind Sie doch auch Winterbewohner.«

»Wir sind die ursprünglichen Winterbewohner. Die Unkas stammen aus der Menschenwelt, aber sie sind vor vielen Jahrhunderten hierhergekommen. Früher lebten hier nur wir Zwerge, die Elfen, das Schneevolk und die ganzen anderen Kreaturen.«

»Wieso lasst ihr euch dann so herum kommandieren?«

Die Zwergin lachte wieder und rührte in einem weiteren Topf.

»Die Unkas leben ihr Leben und wir unseres. Es gibt keine Streite und jeder ist glücklich.«

»Das Elfenvolk sieht das aber etwas anders, oder?« ,fragte Lynn schnaubend.

»Es überrascht mich, dass Ihr über den Krieg wisst. Die Magesfamilie ist sehr bemüht, diesen Krieg nicht öffentlich werden zu lassen. Die Elfen haben ihre Gründe, aber ich bin der falsche Ansprechpartner für solche Fragen.«

Lynn nickte und blickte erneut aus dem Fenster. Der Himmel war verdunkelt und der Wind drückte den Schnee fest gegen die Fenster, sodass diese erzitterten. Während Lynn ihren Tee austrank, belegte die Zwergin Teller und Schüsseln mit Speisen und verteilte sie auf Silbertablette. Mit einem Schnips ihrer Finger erhoben sich die Silbertablette sanft und schwebten dann in der Luft.

»Ich bringe jetzt das Frühstück hoch, wollen Sie auch in Ihrem Zimmer frühstücken?« ,fragte die Zwergin freundlich.

Lynn nickte und stellte die Tasse in die Spüle und folgte dann der Zwergin die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern. Die erste Tür war die der Zwillinge. Geräuschlos öffnete die Zwergin mit Hilfe von Magie die Tür und die Tabletts flogen in das ruhige Zimmer.
Als sie an ihre Tür kamen nahm Lynn der Zwergin in Tablett ab und überlegte kurz.

»Ist Zains Zimmer weit entfernt?«

»Nein, es ist direkt das nächste. Wollen Sie bei ihm frühstücken?« ,fragte die Zwergin überrascht.

Lynn nickte schüchtern und die Zwergin nahm es ohne Anmerkungen zur Kenntnis. Also folgte Lynn der Zwergin mit ihrem Tablett und ihr Herz klopfte nervös. Sie war noch nie in Zains Zimmer gewesen. Erneut öffnete sich geräuschlos die Tür und Lynn schlüpfte hinter Zains Frühstück ins Zimmer, bevor sich die Tür wieder leise schloss. Das Tablett steuerte einen niedrigen Tisch an und landete dann sanft. Lynn stellte ihres vorsichtig daneben und sah sich nun ruhig um.
Zains Zimmer war größer als ihres und im Gegensatz zu ihrem hellen, sehr dunkel eingerichtet. Sie musste über den starken Kontrast grinsen und sah sich weiter um. Wie sie hatte er ein riesiges Bett, jedoch kein Himmelbett. Sie wagte kaum zu atmen, während Zain ruhig vor ihr schlief. Sie hatte ihn noch nie schlafen gesehen und betrachtete ihn einen Moment, bevor sie sich weiter umsah.
Eine Wand schmückte ein großes Bücherregal mit vielen alten Büchern. Manche von ihnen blätterten bereits auseinander, daher wagte sie es nicht sie anzufassen. Auf einem großen massiven Schreibtisch aus schwarzem Holz lagen wild zerstreut Bücher und Blätter, doch was sie am meisten interessierte waren die Bilder die über dem Schreibtisch hingen. Es waren keine Farbaufnahmen, sondern bräunliche wie man sie früher hatte. Ein Bild zeigte Nicolo und Rosette, noch deutlich jünger, dennoch erkannte sie die beiden wieder. Ein weiteres zeigte die beiden Zwillinge auf einem großen Schaukelpferd. Neben diesem war ein Foto von ihm und den Zwillingen. Es schien noch das neuste von allen zu sein. Verwirrt trat sie einen Schritt näher an ein Bild. Es zeigte eine junge Frau und einen Mann, beide waren ihr fremd. Die Frau hatte lockige Haare die sie zu einer kunstvollen Hochsteckfriseur trug. Ihre Augen funkelten in die Kamera und sie lächelte vergnügt. Neben ihr stand ein großer Mann. Seine Haare standen ein wenig wild ab, genau wie bei Zain und seine Augen blickten ruhig in die Kamera. Er hatte einen Arm um die Taille der Frau geschlungen und drückte sie fest an sich. Plötzlich war ihr klar, wer diese beiden Personen waren. Es waren Zains ermordete Mutter und sein verschollener Vater. Sie schluckte schwer. Sie wusste wie schlimm es war seine Eltern zu verlieren. Jetzt konnte sie sich endlich ein Gesicht für den Namen Felizia einprägen. Sie war wirklich hübsch. Zart und sehr zierlich, beinah wie eine Puppe. Neben diesem Bild gab es noch ein Bild von Sigurd. Er blickte grimmig in die Kamera und sie musste grinsen, ja das war eindeutig Sigurd.

Sie nahm Abstand zu den Bildern und trat leise an eins der Fenster heran. Sein Zimmer lag auf der genau anderen Seite des Hauses und sie konnte in der Ferne ganz schwach die kleine Stadt sehen, in welcher Rosette die Anzüge ihrer Enkel besorgt hatte.
Zain besaß in seinem Zimmer eine kleine Sitzecke mit gemütlichen großen Ohrensesseln und sie ließ sich in einem dieser versinken und nippte an ihrem Tee, welcher in einer kleinen Kanne auf ihrem Tablett gestanden hatte.
Sie hatte die Beine angewinkelt auf den breiten Sessel gelegt und blickte aus dem Fenster in das Schneegestöber. Zain schnaubte einmal und sie blickte zu ihm hinüber. Allem Anschein schien er aufzuwachen. Er drehte sich und fuhr sich liegend erneut schnaubend durchs Gesicht. Dann setzte er sich auf und seine Decke rutschte hinunter, sodass Lynn erst jetzt erkannte, dass er kein Oberteil trug. Sie blickte schnell in ihre Tasse und hörte wie er aufstand. Konnte es vielleicht sein, dass er sie noch gar nicht bemerkt hatte? Woher sollte er denn auch damit rechnen, dass sie hier in seinem Zimmer war. Er ging ans Fenster und blickte hinaus. Lynn sah kurz auf und stellte erleichtert fest, dass er eine lange schwarze Schlafhose trug, welche weit geschnitten war. Er hatte einen Arm ans Fenster gedrückt und lehnte mit seiner Stirn auf seinem Arm. Er seufzte wieder schwer und Lynn fragte sich was ihn quälte.

»Lynn.« ,murmelte er.

»Ja bitte?« ,fragte sie ruhig.

Er zuckte erschrocken zusammen und wirbelte herum. Sie sah ihn vergnügt an, doch er starrte sie einfach nur an.

»Lynn was machst du hier?« ,fragte er fassungslos.

Auf einmal bereute sie ihre Entscheidung hierhergekommen zu sein. Allem Anschein nach wollte er seine Ruhe haben. Sie stellte ihre Tasse ab und erhob sich.

»Entschuldigung.« ,murmelte sie und drehte sich um.

Sie ging der Tür entgegen und wollte sie gerade öffnen, als Zain diese zudrückte und sie zwischen sich und der Tür mit seinen Armen einsperrte. Lynn drehte sich zu ihm langsam um und sah ihn unsicher an.

»Lynn.« ,murmelte er leise.

Sie drückte sich an die Tür und schluckte schwer. Ihr Herz pochte und sie holte langsam Luft. Sein Blick ruhte auf ihr und sie konnte seinen warmen Atem deutlich auf ihrem Gesicht spüren. Dann plötzlich griff er nach ihr und hob sie hoch. Mit wenigen Schritten durchquerte er das Zimmer, während er sie in seinen Armen trug. Lynn keuchte schwer, was hatte er jetzt vor? Vorsichtig und behutsam setzte er sie mitten auf seinem Bett ab und setzte sich ihr gegenüber. Dann schnipste er mit den Fingern und die beiden Silbertabletts flogen auf sie zu.

»Frühstück im Bett.« ,sagte er vergnügt.

Lynn seufzte erleichtert auf und nickte dann. Für einen Augenblick hatte sie gedacht, dass Zain mit ihr schlafen wollte. Verlegen biss sie sich auf die Lippe. Warum hatte sie ausgerechnet daran gedacht? Zain schüttete sich Tee ein und schenkte ihr ebenfalls neuen ein. Sie nickte dankend und nippte an dem heißen Getränk.

»Also warum bist du hier?« ,fragte er neugierig.

»Ich dachte wir könnten zusammen frühstücken.«

»Gute Idee.« ,sagte er nickend und biss in einen süßen Kuchen.

Lynn nahm etwas von den gezuckerten Früchten und kaute langsam auf der süßen Erdbeere. Zain gähnte einmal und lachte dann kurz.

»Entschuldige, aber ich bin nach diesen Bällen immer völlig fertig. Für heute kannst du mit mir eigentlich nichts mehr anfangen. Wie steht es mit dir? Die siehst frisch und munter aus wie immer.« ,sagte er lächelnd.

»Ich habe Blasen an den Zehen.« ,murmelte sie.

»Autsch. Die verheilen bis nächsten Montag.«

Sie nickte bloß und nippte wieder an ihrem Tee. Zain bestrich sich eine Brötchenhälfte mit Butter und schaufelte dann Rührei darauf. Lynn hatte eigentlich keinen großen Appetit und blickte wieder aus dem Fenster.

»Es zieht ein Sturm auf oder?«

»Mh, höchst wahrscheinlich. Ich hoffe nur wir werden nicht wieder eingeschneit.«

»Ist das schon mal passiert?«

»Es passiert öfters wenn hier Winter ist.«

»Habt ihr auch Sommer?« ,fragte sie neugierig.

»Nein, aber im Winter schneit es noch öfter und stärker. Was ihr Sommer nennt haben wir nicht.«

»Es liegt also immer Schnee?« ,fragte sie beinah entsetzt.

Er nickte und biss kräftig von seinem Brötchen ab. Sie stützte ihren Kopf auf ihrem Knie ab und seufzte leise. Immer Schnee, sie bezweifelte, dass sie so etwas durchhalten würde.

»Hast du keinen Hunger?« ,fragte er besorgt.

»Nicht wirklich.«

Zain musterte sie einen Augenblick schweigend, dann hielt er ihr plötzlich etwas vor den Mund und sie wisch erschrocken zurück.

»Ist nichts Schlimmes probier mal.«

Zögerlich öffnete sie ihren Mund und er legte ihr ein kleines Gebäck in den Mund. Dann strich er ihr sanft über die Lippen. Sie spürte wie ihr das Blut in den Kopf schoss und wandte das Gesicht ab, während sie langsam kaute. Das Gebäck schmeckte gut, es war würzig aber dennoch süßlich. Sie nickte und er grinste zufrieden.
Den Rest des Frühstücks aß Zain mehr oder weniger alleine, während sie Tee trank und ab und zu an einem Keks nagte. Als sie das Frühstück beendet hatten ließ Zain die Tabletts wieder davon schweben und streckte sich auf seinem Bett aus. Vorsichtig stand Lynn auf und wischte sich einige Krümel von der Hose.

»Wo willst du hin?« ,fragte er neugierig.

»Du willst bestimmt noch etwas schlafen. Ich lass dich dann jetzt in Ruhe.«

Augenblicklich griff er nach ihrer Hand und zog sie zurück zu sich aufs Bett und nagelte sie wie zuvor an der Tür auf seinem Bett fest. Sie keuchte und blickte zu ihm auf.

»Bitte geh nicht Lynn. Du weißt was ich für dich empfinde.«

Ihr Herz schlug schneller und sie senkte den Blick. Wie hätte sie es vergessen können? Er hatte ihr seine Liebe gestern auf dem Ball gestanden, ganz ohne Vorwarnung. Sie wusste immer noch nicht, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht. Sie schnaubte leise, wieso sollte sie sich nicht freuen? Vielleicht war der Schmerz einfach noch zu groß, den Mireille und er in ihr hinterlassen hatten. Er strich ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht und Lynn sah wieder zu ihm auf.

»Wieso hast du vorhin meinen Namen gemurmelt?« ,fragte sie neugierig.

»Ich habe von dir geträumt und dich dann in der Realität vermisst, aber du bist da.« ,flüsterte er lächelnd.

Ihr Herz schlug erneut schneller und ihre Finger krallten sich in seine Bettdecke.

»Du bist so wunderschön.« ,flüsterte er während er näher an sie heran rückte.

Sie spürte wie sie abermals rot wurde und atmete schwer ein. Dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen und bevor Zain seinen Kopf drehen konnte sprangen Aaron und Arvid aufs Bett. Zain verlor das Gleichgewicht und landete auf ihr. Sie keuchte unter seinem Gewicht und er rollte sich erschrocken von ihr weg. Die Zwillinge kicherten laut und Arvid lag quer über Zain, während Aaron rechts von ihr lag.

»Guten Morgen!« ,riefen die beiden.

Überrascht stellte Lynn fest, dass die beiden Zwillinge ebenfalls noch im Schlafanzug waren. Aaron pickte sie in die Seite und sie sah ihn fragend an.

»Wo willst du hin?« ,fragte er neugierig.

»Nirgendwo warum?«

»Du hast dich angezogen.« ,sagte er achselzuckend.

»Findest du sie etwa nicht hübsch in ihrem Outfit?« ,fragte Zain bohrend.

»Das habe ich nicht gesagt, aber ich habe Lynn noch nie in Schlafsachen gesehen.« ,sagte Aaron beinah beleidigt.

Zain grinste und Aaron streckte ihm die Zunge heraus.

»Zieh dich doch um und komm dann wieder. Wir bleiben heute eh alle im Bett.« ,sagte Arvid bestimmend.

»Ich weiß nicht.«

»Na los.« ,sagte Aaron kichernd.

Sie schnaubte schwer und erhob sich. Dann verließ sie das Zimmer und kehrte über den Treppenflur in ihr eigenes zurück. Bosco lag unverändert auf ihrem weißen Himmelbett und schnarchte leise. Lynn entkleidete sich und zog ihren Schlafanzug über. Vor ihrer Abreise hatte sie sich einen Schlafanzug von Monique ausgeliehen. Sie hatte unter keinen Umständen gewollt, dass jemand sie noch einmal in diesem peinlichen Schlafanzug sah. Es war ein einfacher schwarzer Satinpyjama, der ihr jedoch an Armen und Beinen ein wenig zu kurz war. Daher krempelte sie die Enden hoch, so sah es einigermaßen gewollt aus.
Schnaubend löste sie ihren Zopf und fuhr sich einmal durch die Haare. Diese Brüder würden sie noch einmal in den Wahnsinn treiben.
Erneut betrat sie Zains Zimmer und beobachtete wie die Zwillinge sich eine Kissenschlacht lieferten. Leise schloss sie die Tür und hatte bereits im nächsten Augenblick ein Kissen am Kopf. Sie schnaubte und hob das Kissen auf. Ruhig ging sie auf das große Bett zu und setzte sich ans Fußende. Die Zwillinge lieferten sich immer noch eine Kissenschlacht und Lynn streckte sich der Länge nach aus und schloss für einen Moment die Augen. Als es plötzlich ruhig auf dem Bett wurde, sah sie verwundert auf und erkannte, dass alle drei sie ansahen.

»Was?« ,fragte sie unsicher.

Die Zwillinge kicherten und legten sich dann eng aneinander gekuschelt in die Mitte des Bettes.

»Leg dich neben Aaron.« ,sagte Arvid leise, aber befehlend.

Sie kam der Aufforderung nach und legte sich neben Aaron. Nun lagen die Zwillinge in ihrer Mitte, während Zain und Lynn die beiden umschlossen.

»Jetzt haben wir das fehlende Glied.« ,murmelte Arvid und schien dann eingeschlafen zu sein.

Lynn blickte auf die schlafenden Gesichter der Zwillinge. Ihre Stirne berührten sich sanft und ihre blonden und braunen Locken verhakten sich ineinander.

»Schlafen sie?« ,flüsterte Lynn leise.

»Tief und fest. So schnell werden sie nicht mehr wach.« ,sagte Zain etwas lauter.

»Was meinte Arvid mit fehlendem Glied?« ,fragte sie verwirrt.

»Die Zwillinge liegen oft bei mir im Bett, ob es mir passt oder nicht. Die beiden erinnern sich nicht an ihre Eltern und obwohl Nicolo und Rosette sich wirklich bemühen, sie können Eltern nicht ersetzen. Sie sind nun einmal unsere Großeltern.«

Lynn sah Zain wehleidig an und streckte dann ihre rechte Hand oberhalb der Zwillinge in Zains Richtung. Seine Hand berührte ihre und sie drückte seine sanft.

»Du weißt, dass ich nicht für immer hier bleiben kann.«

»Sicher? Du könntest alles hinter dir lassen und hier neu anfangen.«

»Ich weiß, aber ich habe bereits ein Leben in meiner Welt.«

Er drückte ihre Hand und strich mit seinem Daumen über ihren Handrücken. Sie sah ihn nicht an und strich langsam über Aarons braune Ringellocken.

»Lynn?« ,murmelte Zain leise.

»Mh?«

»Würdest du mich auf den Ball nächsten Montag begleiten?«

Sie sah ihn überrascht an, aber dieses Mal wisch er ihrem Blick aus. Sie schnaubte schwer und schloss für einen Moment die Augen.

»Gerne.« ,flüsterte sie dann.

Er drückte ihre Hand erfreut und als sie ihre Augen aufschlug, lächelte er sie breit an.

»Ich freu mich jetzt schon.« ,sagte er lächelnd.

»Wenn es dich glücklich macht.«

»Mehr als glücklich.« ,flüsterte er und schloss dann ebenfalls die Augen.
2.12.14 19:55


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