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Kapitel 19

Lynn wachte müde auf und brauchte einen Augenblick um zu verstehen wo sie war. Die Erinnerung an den letzten Tag kehrte zurück und sie brummte schwer und presste die Hände auf ihr Gesicht. Es war wirklich passiert, es war nicht nur ein Traum gewesen. Seufzend richtete sie sich auf und erkannte, dass Aislinn sie beobachtete. Lynn zuckte zusammen und Aislinn grinste breit.

»Hast du gut geschlafen?«

»Ja und du?«

»Gut danke, auch wenn du im Schlaf zeitweise redest.«

»Ich rede? Was sage ich denn?« ,fragte Lynn erschrocken.

»Undeutliches Gebrabbel. Hast du Hunger?«

Lynn nickte und Aislinn reichte ihr ein in Blätter eingewickeltes Päckchen. Lynn öffnete es und erblickte ein Kuchenstück. Sie aß genüsslich den dunklen Kuchen und blickte dabei aus dem geöffneten Vorhang nach draußen. Es schneite ein wenig und der Wind wehte ihr kalt ins Gesicht.

»Wir besorgen dir gleich ein paar neue Kleider, oder willst du diese anlassen?«

»Ich würde gerne Elfenkleider anziehen.« ,gestand sie schüchtern.

»Das freut mich. Wyn möchte dich später noch sprechen.«

»Wer ist Wyn?«

»Der große Elf, der dich gestern besucht hat. Er war Berater der letzten Elfenkönigin. Er möchte sich mit dir über deine Familiengeschichte unterhalten. Er meint es ist der erste Schritt um dir aufzuzeigen wer genau du bist.«

Lynn nickte und wurde allmählich aufgeregt. Sie biss ein weiteres Stück ihres Kuchens ab und bemerkte wie Aislinn sie immer noch ansah. Fragend blickte Lynn die Elfin an und diese lächelte entschuldigend.

»Verzeih, aber ich bin ein wenig fasziniert von dir. Du bist so jung und doch schon so erwachsen.«

»Wie meinst du das?« ,fragte Lynn verwirrt.

»Wie alt bist du?«

»Siebzehn.«

»Eine siebzehnjährige Elfin ist für gewöhnlich noch viel kleiner und kindlicher. Du bist mehr wie eine Erwachsene. Groß, intelligent und fraulich.«

»Ah, das ist wieder so eine sonderbare Sache mit dem Alter und dem geistlich und körperlichen oder? Man hat mir schon einmal versucht das zu erklären und ich habe aufgegeben es zu verstehen.«

»Es ist für mich hoch interessant. Allem Anschein haben unseres Gleichen in der Menschenwelt keine Kräfte und wir werden wohl oder übel zu Menschen.«

»Das würde erklären, warum meine Großmutter gealtert ist.« ,sagte Lynn scherzend.

Sie stopfte sich den letzten Rest Kuchen in den Mund und erhob sich, als Aislinn sich aufrichtete. Lynn folgte der Elfin hinaus ins Freie. Es war kein Elf zu sehen und Lynn sah sich überrascht um.

»Wo sind alle?« ,flüsterte sie beinah.

»Sie verteidigen unseren Wald und die Überreste unserer Vorfahren. Weder die Unkas, noch der schwarze König wissen, wie viel uns diese Wälder bedeuten.«

»Und die Magesfamilie schon?«

»Ja und deshalb waren Zains Worte sehr viel mächtiger.«

Lynn nickte und schüttelte sich bei der Erinnerung. Er hatte ihr drohend gesagt, dass er die Elfen töten würde und ihre Wälder abbrennen würde, nur um sie zurück zubringen. Er würde ihr Volk auslöschen, sogar deren Überreste. Unwillkürlich musste sie an Rosettes Worte denken. Zain war seinem Vater sehr ähnlich, und der Verlust eines geliebten Menschen hatte seinen Vater den Verstand gekostet. Lynn konnte nur hoffen, dass Nicolo ihn unter Kontrolle behielt.
Aislinn bedeutete ihr stehen zu bleiben und verschwand kurz in einem der anderen Hütten. Dann kehrte sie zurück, in ihrer Hand ein blaues beinah transparentes Kleid. Sie drückte es Lynn in die Hände und Lynn spürte wie weich und dünn dieser Stoff war.

»Zieh dich um ich werde solange warten.«

Lynn kletterte in die kleine Hütte und begann ihre Kleider abzulegen. Dann zog sie das Kleid über und war überrascht wie sanft es sich an den Körper schmiegte. Es wurde im Nacken zusammengebunden und fiel sanft über ihren Körper hinab. Es war Bodenlang und hatte keine Arme. Zuletzt zog sie ihre Schuhe aus und trat dann Barfuß in den kalten Schnee. Für einen Moment wollte ihr Gehirn ihr vermitteln, dass der Schnee kalt war und sie sich erkälten würde, aber ihr Körper verspürte keine Kälte. Lächelnd vergrub sie ihre Zehen in den weißen Schnee. Er fühlte sich beinah warm an, als wäre man am Strand.
Aislinn musterte sie kurz und nickte dann lächelnd. Aislinn ihr gegenüber wirkte mehr wie eine Kriegerin, da ihr Kleid nur bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte und ein weicher tuchartiger Gürtel an ihrer Taille, ihren Dolch festhielt. Auch sie war ohne Schuhe unterwegs und Lynn stellte fest, dass sie bisher noch keinen Elf mit Schuhwerk gesehen hatte. Aislinn setzte sich in Bewegung und Lynn folgte ihr.
Sie verließen die Waldlichtung und Aislinn führte sie wieder auf unsichtbaren Pfaden durch den dichten Wald. Lynn sah sich im Wald um und fühlte sich unbehaglich zu wissen, dass sie zwischen lauter toten Elfen umher wandelte. Doch noch verwirrender war die Stille. Nicht ein Vogel zwitscherte.

»Warum sind hier keine Tiere?« ,fragte Aislinn neugierig.

»Sie sind geflohen vor dem schwarzen König. Wir sind hier geblieben um unsere Ahnen zu beschützen.«

»Wie ist das mit diesen Bäumen. Du hast gesagt, es sind verstorbene Elfen. Werden die Elfen zu Bäumen oder wächst ein Baum in welchem die Seele des Elfs verweilt?«

Aislinn sah sie überrascht an und lächelte dann.

»Du bist wahrhaftig eine Elfin. Für jeden Elf wächst ein Baum, in welchem seine Seele verweilt.«

»Gilt das auch für meine Mutter?« ,wisperte Lynn.

»Ich weiß es nicht. Sie starb in der Menschenwelt.«

Lynn nickte langsam. Vielleicht war es auch gut so. Sie kannte diese Welt nicht und jetzt wo auch immer sie war, war sie mit ihrem Vater zusammen. Aislinn hüpfte über einen umgefallen Stamm und Lynn folgte ihr. Angewurzelt blieb sie stehen und blickte auf das Chaos unter ihr. Verbrannte Bäume, deren Asche im Wind leise davon flog. Hier hatte ein Kampf stattgefunden. Der Schnee war aufgewirbelt und an einigen Stellen rötlich gefärbt.

»Das ist nur ein kleiner Ausmaß dieses Kriegs.« ,sagte plötzlich eine dunkle Elfenstimme neben ihr.

Lynn blickte auf und erkannte den großen Elf vom Vortag, welcher wie Aislinn es sagte, Wyn hieß. Sein Blick war betrübt und ein weicher Schimmer lag auf seinen Augen.

»Es ist grausam. Ohne die Bäume wandern die Seelen der Verstorbenen ruhelos umher.«

»Kann man denn nicht neue Bäume pflanzen?«

»Seit sehr vielen Jahren konnten wir keine Bäume mehr pflanzen, weil uns dazu die Gabe fehlt.«

»Die Gabe?« ,fragte Lynn verwirrt.

»Es ist eine Gabe diese Bäume wachsen zu lassen. Tief unter dem Schnee liegen verborgen die Samen der Bäume, die in der Lage sind unsere Seelen aufzunehmen. Wir wissen, dass sie dort sind, aber wir können sie nicht befehligen aus der Kälte aufzuwachen. Darum sind in dieser Welt sehr viele verlorene Seelen unterwegs. Nicht nur die Seelen derer, die ihre Seelenbäume verloren haben, sondern auch die Seelen derer, die im Kampf gefallen sind. Die Seele deiner Mutter wandert auch hier umher.« ,sagte er plötzlich.

Lynn starrte ihn an und blickte dann wieder über die verbrannte Landschaft, als könnte sie die Seele ihrer Mutter sehen.

»Was ist mit meinem Vater? Ist er auch hier?«

»Ich weiß es nicht. Es ist schon einmal vorgekommen, dass ein Elf seine Frau aufnahm, obwohl sie eine Unka war. Vielleicht hat deine Mutter deinen Vater mitgenommen.«

Lynn spürte wie ihre Beine unter ihr nachgaben. Ihre Eltern waren vielleicht hier, so nahe bei ihr und doch waren sie verloren. Wütend schlug sie mit der Faust auf den Boden. Wieso konnten diese Bäume nicht von den Elfen gepflanzt werden? Ihre Finger krallten sich in den Schnee. Es war nicht fair.

»Wir besitzen die Gabe der Seelenbaumzüchtung nicht, aber Mitglieder der königlichen Familie. Es war seit je her ihre Aufgabe die Bäume zu pflanzen und so unseren Seelenfrieden zu ermöglichen. Du bist die letzte Überlebende der Königsfamilie. Die Gabe fließt in deinem Blut. Du kannst diesen Wald wieder aufbauen.«

Lynn starrte Wyn an und rappelte sich auf. Ihr Herz schlug vor Aufregung und ihre Zunge war schwer. Der Elf legte ihr wie bei einem Kind die Hand auf den Kopf und sie erkannte wie er sie traurig anlächelte.

»Ich weiß was du fragen willst, aber ich kann dir nicht sagen wie man die Seelenbäume wachsen lässt. Die Letzte die es weiß, ist deine Großmutter Lynn und sie hat jeden Kontakt mit uns abgebrochen. Du musst sie fragen.«

Lynns Lächeln verlosch und sie blickte zu Boden. Sie sollte ihre Großmutter um Hilfe bitten? Die Person die Schuld daran war, dass es hier einen Krieg gab? Die Schuld daran war, dass Zain aus Rache ihre Eltern ermordet hatte? Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten.

»Komm Lynn, ich werde dir etwas über deine Familie erzählen. Dir wird es leichter fallen alles zu verstehen, wenn du mehr weißt.«

Er legte ihr eine Hand in den Rücken und führte sie weg von dem Chaos. Aislinn folgte ihnen mit einigem Abstand. Lynn wanderte ruhig neben Wyn her und wartete, dass er etwas sagte.

»Also wo soll ich anfangen? Am besten bei Lelia. Sie war die Mutter deiner Großmutter und sie gilt als die größte Elfenkönigin in der Geschichte. Sie hatte eine sehr lange Lebenszeit und somit auch eine sehr lange Herrscherzeit. Eigentlich hat sie nicht wirklich geherrscht. Sie war sehr gütig und warmherzig. Sie hat die Wälder sehr weit wachsen lassen. Sie wollte einen Vorrat an Seelenbäumen sähen. Als hätte sie eine Vorahnung gehabt, was geschehen würde.«

»Glaubst du sie hat es gewusst?« ,unterbrach Lynn ihn.

»Ich glaube ja. Ich habe viele Jahrzehnte an ihrer Seite gearbeitet und sie kam mir immer sehr vorhersehend vor. Ich denke sie hat es gewusst.«

»Aber warum hat sie dann nichts unternommen? Sie hätte ihre Tochter aufhalten können, bevor es später zu diesem Krieg kommt.« ,sagte Lynn wütend.

»Vielleicht hat sie auch gewusst, dass du kommen würdest. Wir kennen ihre Beweggründe nicht, aber was geschehen ist, ist geschehen. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Lelia mochte die Unkas, aber sie erkannte auch, dass die Unkas die alten Winterbewohner immer mehr unterdrückten und ausbeuteten. Und hier kommt Nicolo ins Spiel.«

»Er hat einen Pakt mit den Elfen geschlossen, richtig?«

»Richtig. Lelia war sehr angetan von ihm und seinen Vorstellungen und Plänen für die Zukunft. Nicolo war ein Unka und er prangerte die Ungerechtigkeit an, die es in den Welten gab. Er sprach von arm und reich und der Unterdrückung und Ausbeutung. Er wollte ein Verbindungsstück sein, zwischen den Winterbewohnern und den Unkas. In der Menschenwelt wollte er für mehr Freude bei den Kindern Sorgen und somit vielleicht mehr Frieden im Allgemeinen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, als er Lelia den Vorschlag machte, ihn mit Elfenkräften zu versehen. Ich war damals einer von vier Beratern der Königin Lelia. Wir stimmten dem Vorschlag zu unter dem Vorbehalt, dass er eine Elfin von königlichem Blut heiraten musste.«

Wyn steuerte eine kleine Schneeanhöhung an und setzte sich auf den kleinen Berg. Lynn setzte sich ihm gegenüber auf den Boden und blickte zu ihm auf. Wyn seufzte leise und fuhr sich durch seine schwarzen Haare.

»Nicolo stimmte ein und Lelia übertrug Elfenkräfte auf ihn. Somit wurde Nicolo ein Mages, wie die Unkas ihn nennen. Gleichzeitig wurde er der bei euch bekannte Weihnachtsmann. Er war sehr beliebt in der Menschenwelt und zu mindestens in den ersten Jahrhunderten schaffte er es zu mindestens zur Weihnachtszeit Frieden zu stiften. Hier war er jedoch nicht ganz so erfolgreich. Es war schwieriger als gedacht, die Unkas von ihrem Weg abzubringen. Selbst jetzt ist kaum Erfolg zu sehen. Obwohl es keine Sklavenhaltung mehr gibt.«

»Warum hat Nicolo keine Elfin königlichen Blutes geheiratet?«

»Ach ja, das war ein turbulentes Jahr gewesen. Er hatte Rosette in der Menschenwelt kennen gelernt und das Menschenmädchen hierher gebracht. Wenn ich mich recht erinnere, war sie eine Sklavin gewesen. Er verliebte sich in sie und heiratete sie. Wir, die Ratgeber und das Elfenvolk waren damals sehr aufgebracht, aber Lelia beruhigte uns. Sie erklärte, dass ein Nachkomme Nicolos diesen Pakt dann einlösen müsse.«

»Casimiro hat es aber auch nicht getan. Hat Lynn deshalb Felizia getötet?«

»Nein, das war anders. Lynn war älter als Casimiro und hat ihn mehr oder weniger mit aufgezogen. Sie war sehr verliebt in ihn, doch er sah sie mehr wie eine ältere Schwester, als eine Geliebte. Lynn war sehr verblendet und als Casimiro heiratete und Zain auf die Welt kam, war sie immer noch sehr verliebt in ihn. Sie verzieh ihm und irgendwann sprang ihre Liebe auf Zain über.«

»Auf Zain? Soll das heißen, meine Großmutter war in Zain verliebt?«

»So war es. Es war nur wenige Monate nach der Geburt der Zwillinge, als sie Casimiro ihre Liebe zu seinem Sohn gestand und von ihm verlangte den Pakt durch seinen Sohn einzulösen. Casimiro willigte nicht ein. Er wollte seinen Sohn nicht einer sehr viel älteren Elfin geben. Lynn war am Boden zerstört. In ihrer Wut wollte sie Casimiro töten, aber Felizia fing ihren Angriff mit ihrem Körper ab.«

Wyn stoppte und Lynn starrte ihn an. So war das damals also gewesen. Felizia hatte ihren Mann schützen wollen. Mittlerweile verstand sie sogar warum Casimiro verrückt geworden war. Er war von einer verliebten Elfin umgeben gewesen und als diese seinen Sohn heiraten wollte, mussten seine Instinkte als Vater geläutet haben.

»Was war mit Lelia?«

»Sie hat zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gelebt. Deine Großmutter hätte den Thron besteigen sollen, aber sie zog es vor bei der Magesfamilie zu sein. In all dieser Zeit hat sie ihre Pflichten als Königin sehr vernachlässigt. Sie hat weder Seelenbäume gepflanzt, noch sich um die Winterbewohner gekümmert.«

»Aber warum? Wieso hat sie euch den Rücken zugekehrt?«

»Aus Liebe Lynn. Sie war verblendet. Nach ihrer Tat floh sie in die Menschenwelt. Es hat sehr lange gedauert bis wir sie wieder gefunden hatten. Ich meine deine Mutter Lysandra war damals schon auf der Welt. Lynn weigerte sich in die Winterwelt zurückzukehren. Sie hatte sich in einen Menschen verliebt. Zudem waren ihre Elfenkräfte schon fast vollständig verschwunden. Sie hat den Kontakt abgebrochen.«

»Woher wusstet ihr dann, dass meine Mutter ermordet wurde? Wusstet ihr überhaupt, dass sie eine Elfin war?«

»Wir wussten es. Elfenblut vererbt sich entweder ganz oder gar nicht, wenn es mit einer anderen Rasse gekreuzt wird. Bei deiner Mutter haben wir es gespürt, als sie ein Säugling war. Als sie starb, waren ihre Elfenkräfte beinah völlig verschwunden. Wir haben ihren Tod dennoch gespürt. Wir alle sind mit unserer Königsfamilie verbunden. Wenn ein Mitglied stirbt, spüren wir es.«

»Aber ihr wusstet nichts von mir oder?«

»Nein. Deine Elfenkräfte waren hervorragend versteckt. Es war mehr ein Zufall, dass wir es herausgefunden haben. Nicht war Aislinn?«

Die Elfin grummelte etwas und der große Elf lachte laut auf. Lynn seufzte leise und blickte in den Himmel. Es war grau und düster, passend zu der Geschichte, die sie gerade hörte. Ein paar Schneeflocken fielen vereinzelt zu Boden und sie fing eine mit der Hand auf.

»Warum habt ihr der Magesfamilie den Krieg erklärt?«

»Aus zwei Gründen. Erstens hatten sie den Pakt immer noch nicht erfüllt und zweitens hatten sie die letzte, so dachten wir zu mindestens, die letzte Thronfolgerin getötet. Folglich konnten sie den Pakt nicht einlösen und unser Volk war dem Untergang geweiht. Was blieb uns anderes übrig?«

Lynn nickte langsam und ließ ihre rechte Hand über den kalten Schnee kreisen. Alles machte auf einmal sehr viel mehr Sinn. Aber es gab immer noch eine Sache die sie nicht wusste, doch diese Frage konnte sie nur einer Person stellen. Ihrer Großmutter. Lynn seufzte schwer und vergrub den Kopf zwischen ihren Knien. Plötzlich spürte sie wieder die große schlanke Hand Wyns auf ihrem Kopf und Lynn blickte auf.

»Du bist noch sehr jung für eine Elfin, dennoch bist du schon sehr erwachsen. Ich kann dich zu nichts zwingen, aber ich muss und werde dir diese Frage stellen. Willst du Lynn, Tochter von Lysandra und Thronfolgerin unseres Reiches, deinen rechtmäßigen Platz als unsere Königin einnehmen?«

Lynn sah den Elf an, was konnte sie schon verlieren? Ihre Wurzeln waren in dieser Welt und diese Elfen waren jetzt ihre neue Familie. Sie musste die Winterbewohner beschützen. Ihr eigenes Wohl und ihre Vorhaben mussten zurückbleiben. Sie würde ihre Familie verlieren, aber eine neue gewinnen.

»Ich werde mein Erbe antreten.« ,sagte sie entschlossen.

»So sei es. Ich werde alles für die Zeremonie vorbereiten lassen. Bereits morgen wirst du unsere Königin sein.«

Er nickte ihr lächelnd zu und war dann verschwunden. Lynn holte tief Luft und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Aislinn hockte sich neben sie kam und lächelte sie glücklich an.

»Es freut mich sehr, dass du das Erbe antrittst, auch wenn es zu einer sehr schwierigen Zeit ist. Aber du kannst dir sicher sein, dass wir Elfen hinter dir stehen und deinem Befehl Folge leisten.«

Lynn nickte dankend und rieb sich die Arme. Ihr war plötzlich kalt und sie schüttelte sich. Es würde alles andere als leicht werden. Sie hatte keine Ahnung wie man ein Volk regierte oder sich durchsetzte. Sie konnte sich nicht einmal gegen ihren Cousin Tom behaupten. Aislinn klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und nickte dann mit dem Kopf Richtung Wald. Gehorsam stand Lynn auf und folgte ihr wieder tiefer in den dunklen Wald.
9.12.14 16:18


Kapitel 18

Lynn blickte aus den großen Fenstern ihres Zimmers in das leichte Schneegestöber draußen und seufzte leise. Bosco hatte seinen schweren Kopf auf ihren rechten Oberschenkel gelegt und blickte zu ihr auf. Sie streichelte seinen Kopf und er schloss genüsslich die Augen.
Zain war am frühen Morgen mit Sigurd aufgebrochen und obwohl er es nicht erwähnt hatte, hatte sie es in seinem Blick sehen können. Es gab Ärger. Sie hatte ihn gefragt ob sie mit kommen könne, aber er hatte es strikt abgelehnt. Er wollte, dass sie zu Hause blieb in Sicherheit. Also hatte sie sich in ihr Zimmer verkrochen und für die Schule gelernt um sich abzulenken. Doch ihre Konzentration war verschwunden.
Lustlos blätterte sie durch die Seiten ihres Buchs und schnaubte schwer. Sie lag gut in der Zeit und würde keine Probleme bekommen, dennoch sie wollte jetzt nicht weiter lernen. Also stand sie auf, was Bosco aufschreckte und er wütend grummelte.

»Na komm Bosco. Wir gehen spazieren.« ,sagte sie lächelnd.

Seine kleinen runden Ohren bewegten sich und er stand schläfrig auf. Sie betrachtete ihn und entschied, ihn nicht mehr von den Zwillingen füttern zu lassen. Er war ganz schön fett geworden, da die Zwillinge ihn mit Leckerchen und Pasteten aller Art vollstopften. Sie hielt ihm die Tür auf und der massige Eisbär trottete die Treppenstufen hinunter.
Das Wohnzimmer war verlassen, da die restliche Familie wieder in der Werkstatt war. Man hatte ihren Wunsch jedoch respektiert, lernen zu wollen und sie seither nicht mehr gestört. Sie zog Mantel und Schuhe an und trat hinaus in die Kälte. Seit ihre Kräfte erwacht waren, hatte sie immer stärker das Bedürfnis raus an die eisige Luft zu gehen. Ihr war nie kalt und nur Rosette zu liebe trug sie einen Mantel.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und sie hinterließ feine Fußspuren. Bosco neben ihr schnaubte schwer und kämpfte sich durch den Schnee. Sie grinste hämisch und pikste ihm in die Seite.

»Wenn du weniger futtern würdest, könntest du dich auch leichter im Schnee bewegen.«

Er grummelte und sie musste lachen. Aaron hatte ihr verraten, dass Bosco sie verstand, ihr allerdings nicht antworten konnte. Was auch nicht ganz stimmte. Er antwortete, aber sie konnte die Sprache der Bären nicht verstehen.
Das Haus lag nicht weit zurück, als eine zarte Gestalt vor ihr im Schnee auftauchte. Lynn erkannte sofort, dass es die Elfin Aislinn war. Überrascht blieb sie stehen und blickte zum Haus zurück. Sollte sie gehen oder bleiben? Sie hatte Zain versprochen die Elfen zu meiden, also wäre es besser sie ginge wieder.

»Warte!« ,rief Aislinn zu ihr hinüber.

Lynn blickte wieder zu ihr hinüber. Dieses Mal stand sie um einiges näher an sie. Ihre schwarzen langen Haare wehten offen im Wind und ihre blauen Augen lächelten sie an.

»Es freut uns, dass du und Zain verlobt seid.« ,rief sie.

»Woher weißt du davon?« ,fragte Lynn verwirrt.

Die Elfin setzte sich langsam und behutsam in Bewegung um ihr keine Angst zu machen. Ihre blauen transparent wirkenden Kleider schmiegten sich um ihren Körper. Sie blieb nur wenige Meter von ihr entfernt stehen.

»Die gesamte Winterwelt weiß es. Ich bin hier um dir Schutz anzubieten.«

»Schutz vor wem?«

»Dem schwarzen König. Er verachtet uns, weil deine Großmutter seine Frau ermordet hat. Er wird Rache an dir ausüben wollen, obwohl dein Verlobter bereits aus Rache deine Mutter tötete. Wir haben damals sehr um deine Mutter getrauert, das war auch der Grund warum wir die Magesfamilie angegriffen haben. Umso mehr erfreut es uns, dass eure Liebe stark genug ist all diese Schattenseiten zu überdecken. Zudem ist der Pakt durch eure Verlobung endlich eingehalten worden. Wir Elfen werden die Magesfamilie nicht mehr angreifen, jetzt da unser königliches Blut verheiratet wird, wird auch die Magesfamilie in Zukunft zu uns gehören. Solltest du also meine Hilfe brauchen, werde ich sofort bei dir sein Hoheit.« ,sie verbeugte sich lächelnd und war dann verschwunden.

Lynn wollte sie aufhalten, aber es war zu spät. Entgeistert blickte sie auf die Stelle wo die Elfin gestanden hatte. Ihr Kopf brummte und ihr Herz pochte schneller. Was hatte Aislinn ihr gerade gesagt? Fassungslos strich sie sich über die Stirn. Auf erschreckende Weise gab vieles auf einmal einen Sinn. Dass sie eine Elfin war lag daran, dass ihre Großmutter Lynn eine Elfin war. Und nicht nur irgendeine. Sie war die Elfin von welcher Arvid gesprochen hatte. Er hatte sie für ihre Großmutter gehalten, nichts ahnend, dass diese seine Mutter getötet hatte.
Lynn taumelte und setzte sich keuchend in den Schnee. Der Unfall damals. Die Person die der LKW Fahrer gesehen hatte, war Zain gewesen. Er war nach seiner Tat durch ein Portal zurück in die Winterwelt gekehrt. Sie erinnerte sich an seine Worte. Nicolo hatte einen Pakt geschlossen und seinen Teil noch nicht eingelöst. Er hätte eine Elfe königlichen Blutes heiraten sollen. Sie keuchte und blickte auf ihren Ring. Das konnte nicht sein, das konnte alles nicht sein.
Eine weitere Erinnerung flammte in ihr auf. Sie hatte Zain gefragt, warum die Elfen seine Familie angriffen. Er hatte von einer Verwechslung gesprochen. Lynn spürte wie sie weinte und schlug schluchzend die Hände vor den Mund. Er hatte ihre Mutter mit ihrer Großmutter verwechselt. Ihr wurde schlecht. Konnte es sein, dass sie es alle gewusst haben? Sigurd, Nicolo, Rosette und Zain? Sie alle hatten gewusst, wer sie war und was ihre Großmutter getan hatte und welchen Preis Lynn hatte zahlen müssen.
Bosco stupste sie mit seiner nassen Nase an und sie stieß in sanft von sich. Sie schüttelte den Kopf und wischte die Tränen weg. Es konnte nicht sein. Die Elfin hatte versucht einen Keil zwischen sie zu treiben. Schließlich hatten die Elfen sie ebenfalls angegriffen. Sie klopfte den Schnee von ihrem schwarzen Mantel und eilte zurück ins Haus. Sie würde ihn fragen müssen.

Lynn saß auf einem der gemütlichen Sessel und blickte starr in das knackende Feuer. Es war später Nachmittag, bald würde es zu dämmern beginnen und Zain war noch nicht zurück. Bosco lag zu ihren Füßen und rührte sich nicht. Dann endlich hörte sie Stimmen, aber es waren nur Rosette, Nicolo und die Zwillinge, welche aus der Werkstatt zurückkehrten. Ihr Lachen kam ihr plötzlich falsch vor und Lynn presste die Lippen aufeinander.

»Hallo Lynn. Hast du genug gelernt für heute?« ,fragte Nicolo scherzend.

Sie nickte nur stumm und blickte auf ihre geballten Fäuste. Die Zwillinge setzten sich plappernd rechts und links von ihr und Lynn stand im selben Moment auf und trat ans Fenster. Plötzlich war es sonderbar ruhig im Raum.

»Er wird gleich kommen Lynn, mach dir keine Sorgen.« ,sagte Rosette freundlich.

Lynn antwortete nicht, sondern verschränkte die Arme vor der Brust und blickte aus dem Fenster. Ihr Blick schweifte zu den dunklen Tannenspitzen des Waldes. Wem konnte sie trauen und wer log sie an? Für einen Moment meinte sie eine zarte Gestalt gesehen zu haben, aber sie war schon wieder verschwunden. War Aislinn vielleicht noch hier? Versuchte sie vielleicht wirklich nur sie und Zain auseinander zu bringen, damit die Magesfamilie geschwächt war?
Die Tür öffnete sich und all ihre Aufmerksamkeit wendete sich einer einzigen Person im Raum zu. Sofort durchfuhr sie ein Zittern, wie sie es noch nie gespürt hatte und sie drehte sich zu ihm um. Zain sah sich überrascht um und musterte sie dann. Er lächelte und legte seinen Mantel ab.

»Es tut mir Leid Lynn, dass es so lange gedauert hat.« ,sagte er während er auf sie zu ging.

»Bleib wo du bist!« ,zischte sie ihm entgegen.

Überrascht blieb er stehen. Lynn spürte wie alle sie ansahen, aber es war ihr egal.

»Was ist los Lynn?« ,fragte Zain leise.

»Stimmt es?« ,fragte sie wütend und ballte die Hände zu Fäusten.

»Was stimmt?« ,fragte er unsicher.

Sie hörte aus seiner Stimme heraus, dass er einen Verdacht hatte auf was sie hinaus wollte. Tränen stiegen ihr in die Augen und perlten an ihrem Gesicht hinunter.

»Stimmt es, dass du für den Tod meiner Eltern verantwortlich bist?« ,fragte sie mit gepresster Stimme.

Seine Augen weiteten sich und er keuchte schwer. Lynn spürte wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz so schnell in ihrer Brust schlug, dass es schmerzte. Er hatte es also tatsächlich getan und ihr nichts erzählt.

»Du widerst mich an.« ,schrie sie wütend und schupste ihn von sich weg.

»Lynn bitte, wer hat es dir erzählt? Lass es mich erklären.« ,flehte er.

»Erklären? Da gibt es nichts zu erklären. Du hast meine Eltern getötet, weil meine Großmutter deine Mutter umgebracht hat.«

Aus den Augenwinkeln erkannte sie, wie die Zwillinge sich anstarrten. Einen Moment tat es ihr Leid, dass sie es mitbekommen mussten. Doch dann war sie umso entschlossener, denn auch die Zwillinge waren angelogen worden. Zain sah sie kraftlos an und versuchte sie zu berühren, aber sie entzog sich dieser Berührung angewidert.

»Lynn.« ,murmelte er.

»Ich hätte dir niemals vertrauen sollen.«

Sie huschte an Sigurd vorbei und rannte nach draußen. Sie hörte wie hinter ihr das Haus unruhig wurde. Plötzlich wurde sie an der Hand zurück gehalten. Sie drehte sich um und erkannte Zain. In der Haustür standen ganz vorne die Zwillinge. Arvid starrte sie an und drückte fest die Hand seines Zwillings.

»Lynn bitte bleib. Lass uns reden.« ,flehte er sie an.

»Reden? Worüber? Dass du dich nur mit mir verlobt hast, um diesen dämlichen Pakt einzulösen, den dein Großvater eingegangen ist um euch zu einer Magesfamilie zu machen?«

Die Erkenntnis die sie gerade gemacht hatte, ließ sie selbst einen Moment still sein. Zain starrte sie an und schüttelte dann den Kopf.

»Nein Lynn. So ist das nicht, ich liebe dich. Ich liebe dich wie nichts auf der Welt.« ,sagte er verzweifelt.

Lynn sah ihn verächtlich an und seufzte dann traurig.

»Nein, du liebst mich aus Schuldgefühlen. Wie konnte ich nur so naiv sein? Wie konnte ich dir mein Leben, meine Liebe schenken?«

Sie entzog sich seiner Hand und als er plötzlich nach ihr Griff trat sie erschrocken einen Schritt zurück. Er bekam nur ihre Kette zu packen und mit einem Ruck war sie von ihrem Hals gerissen. Zain starrte auf die Kette die er in seinen Händen hielt.

»Du darfst nicht gehen. Wenn du jetzt gehst, werde ich dir Wälder abbrennen und jeden Elfen töten, bis ich dich wieder finde. Ich liebe dich Lynn.« ,sagte er wütend.

Erschrocken über seine Worte wich sie von ihm. Seine Augen weiteten sich, als er seine eigenen Worte verstand. Er schüttelte energisch mit dem Kopf und taumelte auf sie zu.

»Nein Lynn, so meinte ich das nicht.«

»Aislinn.« ,murmelte Lynn ängstlich während die Tränen in ihr aufstiegen.

Sofort stand der zierliche blaue Körper der Elfin neben ihr und stellte sich schützend vor Lynn. Sie hielt einen Dolch schützend vor ihre eigene Brust.

»Ich bin da Hoheit, keine Sorge. Man wird dir nichts tun.« ,sagte sie ruhig.

»Verschwinde Aislinn!« ,rief Sigurd laut und nährte sich ihnen mit schnellen Schritten.

Die Elfin vor ihr lachte auf und schüttelte den Kopf, wobei ihre schwarzen Haare hin und her wippten.

»Ich habe geschworen die Königsfamilie zu beschützen, so wie du geschworen hast die Magesfamilie zu beschützen.«

»Lynn braucht keinen Schutz vor Zain, er ist ihr Verlobter.« ,donnerte er.

Lynn sah Sigurd an. Er war auch Elf, wahrscheinlich kannte er Aislinn noch von vor dem Krieg. Er hatte sie als eine hartnäckige Gegnerin beschrieben. Aislinn stieß einen langen Pfiff aus.

»Lynn hat nach mir gerufen, also fühlte sie sich bedroht.« ,sagte sie ruhig.

»Es gab Missverständnisse.« ,sagte Sigurd ausweichend.

»Missverständnisse?« ,donnerte Lynn und trat neben Aislinn welche sie überrascht ansah.

Zain sah sie immer noch flehend an und sein Körper bebte dabei. Lynn schüttelte den Kopf und sah ihn verächtlich an.

»Du hast meine Eltern getötet ohne mir etwas davon zu sagen und jetzt verlangst du von mir dir sofort zu verzeihen? Dich zu heiraten? All deine Freundlichkeit und deine Sorge um mich, das war alles falsch. Du wolltest nicht, dass ich zu den Elfen ging, als ich wusste dass ich eine Elfin bin. Jetzt weiß ich warum. Du wolltest nicht, dass ich die Wahrheit erfahre. Hättest du es mir irgendwann einmal gesagt? Wahrscheinlich nicht und ich hätte nichts ahnend mein Leben mit dem Mörder meiner Eltern verbracht!« ,schrie sie ihm entgegen.

Ein kalter Wind wehte über sie Hinweg und vereiste förmlich die Situation. Alle starrten sie an und Lynn spürte wie ihre heißen Tränen die Wangen hinunter liefen, doch noch etwas passierte mit ihr. Ihre Haut pulsierte und kribbelte und als sie auf ihre Hand blickte erkannte sie, wie sich ihre Haut bläulich verfärbte. Sie nahm ihre wahre Gestalt an. Sie hob den Kopf und blickte zu Zain, welcher sie nur flehend ansah.

»Ich gehe mir Aislinn. Ich will meine Heimat kennen lernen und ich will dich nie wieder in meinem Leben sehen.«

»Ihr habt Lynn gehört. Wenn ihr uns nun entschuldigt.« ,sagte Aislinn und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Sie hörte Zain noch ihren Namen schreien und auf sie zu hechten, aber sie verschwanden bereits. Als sich das Bild wieder befestigte, stand Lynn inmitten eines dicht bewachsenen Tannenwalds. Sie roch den Geruch des Harzes und fühlte sich an die Zeit zurück versetzt, in welcher sie mit ihrer Mutter durch die Wälder ihrer Welt spazieren gegangen war.
Ihre Beine gaben unter ihr nach und sie begann bitterlich zu schluchzen. Die Tränen rollten über ihr Gesicht und ihr Körper zuckte schwer. Aislinn ließ sich neben ihr nieder und nahm sie sanft in den Arm. Leise wiegte sie sich hin und her und begann dabei ein Lied zu singen, was ihr vertraut vorkam. Es war das Schlaflied, welches ihre Mutter und Großmutter ihr zusammen immer vorgetragen hatten. Tränen überfluteten ihr Gesicht und sie blieb dort im niedrigen Schnee sitzen, in der Umarmung einer Elfin, die sie vor einem bösen Schicksal gerettet hatte.

Ihre Tränen waren versiegt und sie schlich hinter Aislinn durch den verschneiten Wald. Sie hatten nicht miteinander gesprochen und Lynn lauschte in die anbrechende Dunkelheit. Sie blickte erneut auf ihre veränderte Hautfarbe. Das leichte blau, als wäre man erfroren färbte nun ihre Haut. Ihre blonden Haare stachen jetzt förmlich hervor.

»Es ist nicht mehr weit.« ,unterbrach Aislinn die Stille.

Lynn nickte nur müde und folgte ihr tiefer in den Wald. Sie war gespannt auf das Elfenvolk und auf die Art und Weise wie sie lebten. Ihr Herz schlug schneller. Sie war eine Elfin und würde jetzt endlich mehr über ihre Herkunft erfahren. Plötzlich blieb Aislinn stehen und Lynn folgte ihrem Beispiel. Die Elfin hatte die Augen geschlossen und lauschte in die Stille. Dann runzelte sie die Stirn und schlug eine andere Richtung ein.

»Was ist los? Warum gehen wir jetzt in diese Richtung.«

»Es gab Probleme. Unsere Leute sind weiter gezogen. Deine Kräfte sind noch nicht vollständig entwickelt. Der Wald wird dir dabei helfen.«

»Was hat es mit diesem Wald auf sich? Sigurd erwähnte, dass ein Elf sich verändert wenn er dem Wald fern bleibt.«

Aislinn sah überrascht über ihre Schulter.

»Jeder Baum der hier steht ist ein verstorbener Elf.« ,sagte sie ruhig.

Lynn stolperte überrascht und sah den Wald jetzt mit anderen Augen. Es mussten unglaublich viele Elfen existiert haben. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie gar nicht wusste wie viele Elfen es in diesem Wald gab.

»Es sind sehr viele Bäume. Ich dachte Elfen werden sehr alt.«

»Das werden wir auch Lynn. Wir Elfen leben schon sehr, sehr lange in dieser Welt. Erst durch die Unkas wurden wir gezwungen in unseren Friedhöfen zu leben. Wir haben nichts gegen unsere Toten, aber wir stören ihre Ruhe.«

»Also sind Elfen eigentlich doch nicht blau.« ,schlussfolgerte Lynn.

»Wir haben eine blaue Haut, egal ob wir im Wald sind oder nicht. Was Sigurd meinte ist, dass man sich mehr anpasst. Er hat seine Farbe verändert um die Magesfamilie besser schützen zu können.«

Lynn runzelte die Stirn. Sie wusste nicht genau warum, aber sie hatte eine Ahnung das Sigurd und Aislinn sich wirklich gekannt haben mussten.

»Kanntest du Sigurd, bevor er die Elfen verlassen hat?« ,fragte sie mutig.

»Ja.« ,antwortete sie knapp, aber in ihrer Stimme war ein sonderbarer Unterton.

Lynn fragte nicht weiter, da sie fürchtete einen wunden Punkt getroffen zu haben und folgte Aislinn nun wieder schweigsam. Nur einmal drehte sich die Elfin zu ihr um und lächelte sie an. Lynn lächelte matt zurück und konzentrierte sich dann wieder darauf, nicht über Wurzeln zu stolpern.
Aislinn führte sie unter einer niedrigen Tanne hindurch und als Lynn hinter Aislinn wieder hervortrat verschlug es ihr die Sprache. Sie befanden sich auf einer großen Lichtung, auf welcher kleine Hütten aus Zweigen und Farnen erbaut wurden waren. Sie waren mit Schnee zugemauert und wirkten ein wenig wie die Iglus der Inuit. Aislinn führte sie weiter und Lynn folgte ihr langsam. Einige Elfen sahen auf und immer mehr folgten diesem Beispiel. Bald waren alle Blicke auf sie gerichtet und Lynn fühlte sich mehr als unwohl. Sie spürte wie die Röte in ihr Gesicht schoss und überlegte ob sie nun dunkelblau im Gesicht war.
Ein Elf trat auf sie zu und musterte Aislinn eindringlich, dann sah er auf sie hinunter und lächelte breit. Lynn betrachtete den großen Elf. Seine Gestalt war schlank, wie bei so vielen Elfen. Auch er hatte schwarze Haare und jetzt viel Lynn auf, dass sie die einzige mit blonden Haaren war. Der Elf trug eine blaue Hose und einen blauen Umhang, trotzdem konnte sie seinen nackten Brustkorb erkennen.

»Es freut mich wirklich sehr, endlich mit dir sprechen zu dürfen. Wir hatten bereits alle Hoffnung aufgegeben, aber jetzt ist das königliche Blut zu uns zurückgekehrt.«

Die Elfen tosten plötzlich, jubelten und schrien. Lynn zuckte erschrocken zusammen und rückte näher an Aislinn. Es war schon ein wenig seltsam. Sie fühlte sich bei der Elfin, die versucht hatte sie zu töten und ihr einen Elfenkuss gegeben hatte, plötzlich sicher. Sie kannte die Elfenwelt nicht und irgendwie hoffte sie auf die Hilfe von Aislinn. Der große Elf erkannte ihre Reaktion und lachte laut. Dann tätschelte er ihre Schulter.

»Du brauchst dich nicht zu fürchten. Wir werden dir alles beibringen was du wissen musst und willst. Sei willkommen, du kehrst in deine Heimat zurück.«

»Wenn ich mich einmischen dürfte. Ich glaube Lynn möchte ein wenig schlafen, sie hatte einen anstrengenden Tag.« ,sagte Aislinn fürsorglich und legte ihr einen Arm um die Schultern.

»Wieso? Ist etwas passiert?« ,fragte der Elf besorgt.

»Ihr Verlobter hat ihr die Wahrheit vorenthalten. Sie hatte keine Ahnung.«

Ein Flüstern und Raunen ging durch die Menge und Lynn spürte wie ihr erneut die Tränen übers Gesicht liefen. Beschämt wischte sie die Tränen weg, aber es kamen immer wieder neue hinzu. Der große Elf beugte sich plötzlich zu ihr hinunter und streckte seinen langen dünnen Finger nach ihr aus und schöpfte eine ihrer Tränen ab. Die Träne blieb an seinem Finger kleben und er musterte die Träne, als könnte er in ihr lesen.

»Sie ist wirklich sehr traurig und verletzt. Aislinn sie untersteht deiner Obhut kümmere dich um sie. Wir werden derweilen Kontakt zu den anderen aufnehmen.« ,sagte der Elf mit einer rauen Stimme, als würde er gleich selbst weinen.

Aislinn schob sie sanft an dem großen Elf vorbei und Lynn hielt den Blick gesenkt. Es war ihr so peinlich vor all diesen Elfen zu weinen, aber sie konnte nicht anders. Die Elfin hielt ihr den Vorhang zu einem der Hüttenbauten auf und Lynn trat ein. Im Inneren war es angenehm warm, viel wärmer als sie erwartet hätte. Aislinn deutete auf eine der am Boden vorbereiteten Schlafplätze. Gehorsam legte sich Lynn auf das Farn und seufzte leise. Aislinn setzte sich ihr gegenüber auf die andere Schlafunterlage und blickte in die Leere.

»Du musst nicht bei mir bleiben. Ich verlange es nicht. Schließlich kennst du mich nicht und du musst deine Zeit nicht mit mir verbringen, wenn du einen Groll gegen mich hegst.« ,sagte sie schniefend.

Die Elfin sah sie überrascht an und schüttelte dann mit dem Kopf.

»Ich bleibe hier. Ich habe geschworen auf die königliche Familie zu achten, also werde ich bei dir bleiben.«

»Ich habe auch geschworen Zain zu heiraten und dennoch tue ich es jetzt nicht. Ich will keine Last für dich sein.«

»Lynn ich bleibe. Ich hege keinen Groll gegen dich. Meine anfängliche Reaktion auf dich war falsch. Ich habe nicht auf das gehört, was mein Herz mir gesagt hat. Der Kuss tut mir leid, aber ich musste Gewissheit haben.«

»Ist schon gut. Es war eine Erfahrung.«

Aislinn sah sie überrascht an und schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber bleiben. Lynn rollte sich auf den Rücken und blickte auf die dunkelgrüne Hüttendecke. Sie konnte es nicht glauben, dass sie jetzt hier bei den Elfen war. Ihr Herz krampfte sich zusammen und abermals rollten die Tränen über ihr Gesicht. Warum hatte er es ihr nicht gesagt? Hätte sie es verstanden, wenn er es ihr ruhig erklärt hätte? Wäre sie bei ihm geblieben? Sie bezweifelte es. Egal wie es ans Licht gekommen wäre, sie hätte nicht bei ihm bleiben können.
Sie schloss die Augen und atmete einmal tief ein und aus. Sie konnte das Geschehene nicht rückgängig machen, aber sie konnte die Zukunft beeinflussen. Würde es zu einem Krieg zwischen den Elfen und der Magesfamilie kommen? Würde sie gegen den schwarzen König kämpfen müssen? Der Schneemann hatte sie gebeten die Winterwelt zu beschützen. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Sie würde die Winterbewohner beschützen und wenn es das Letzte war, was sie tun würde.
8.12.14 20:10


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